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18.07.2016
Interview mit Linzer Kirchenzeitung

Oberrabbiner Eisenberg war "fast eifersüchtig" auf Kardinal König

Langjähriger Wiener Oberrabbiner scherzt über hohes Ansehen des früheren Wiener Erzbischofs, der "große Rolle" in jüdisch-christlichem Dialog innehatte.

Der frühere Wiener Erzbischof Kardinal Franz König (1905-2004) hatte eine "große Rolle" im jüdisch-christlichen Dialog inne "und war in der jüdischen Gemeinde schon so angenommen, dass ich fast eifersüchtig geworden bin": Das sagte der langjährige Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg in einem Interview mit der Linzer Kirchenzeitung scherzend über das hohes Ansehen des unvergessenen Konzilsvaters, der maßgeblich zur Neuausrichtung der katholischen Kirche in ihrem Verhältnis zum Judentum beitrug. "Mit einem Lächeln" habe er manchmal gesagt, so Eisenberg: "Wenn etwas Wichtiges in der jüdischen Gemeinde passiert, ruft man den Oberrabbiner; wenn etwas sehr Wichtiges passiert, ruft man Kardinal König."

 

 

Gutes Verhältnis ist Normalität geworden

Auch Kardinal Christoph Schönborn setze das gute Einvernehmen zwischen Christen und Juden in Wien fort, das gute Verhältnis sei Normalität geworden. "Das christlich-jüdische Gespräch mag nicht mehr die große Sensation sein. Aber wir machen ja jetzt rund einmal im Jahr etwas Neues", verwies Eisenberg im Interview mit der Kooperationsredaktion der österreichischen Kirchenzeitungen etwa auf gemeinsame Konzerte mit Repräsentanten der katholischen und evangelischen Kirche. "Das gibt der Sache Farbe."

 

Der 66-Jährige, der sein Amt als Oberrabbiner von Wien kürzlich an seinen Nachfolger Arie Folger übergab, äußerte sich auch über die Entwicklung der römisch-katholischen Kirche: "Papst Franziskus hat, soweit er konnte, neue Maßstäbe gesetzt. Seine beiden Vorgänger mögen konservativer gewesen sein. Früher hätte sich kein Papst wie Franziskus zum Beispiel über homosexuelle Menschen geäußert." Freilich könne es geschehen, dass man zu viel von ihm erwartet, so Eisenberg. "Aber im Amt wächst man. Das habe ich auch bei den Päpsten erlebt."

 

Säkularismus auch in jüdischen Gemeinden

Der für seinen Humor bekannte jüdische Geistliche befindet sich nach eigener Aussage in "Halbpension", da er aber für den Bund Israelitischer Kultusgemeinden in Österreich und damit außerhalb Wiens weiterhin tätig sein werde. Auf die Frage, wie das Judentum mit dem Säkularismus umgeht, der die christlichen Kirchen vor Probleme stelle, antwortete Eisenberg mit einem "etwas traurigen Witz: Ein säkularer Jude schickt seinen Sohn auf eine staatliche Schule. Dort hört er von der Dreifaltigkeit, versteht das falsch und sagt zu Hause zu seinem Vater: 'In der Schule habe ich gehört, es gibt drei Götter.' Der Vater erwidert: 'Nein, bei uns gibt es nur einen Gott, an den wir nicht glauben.'"

 

Auch in jüdischen Gemeinden gebe es viele Menschen, die wenig mit dem Glauben zu tun haben. Diese gelte es "mitzutragen", betonte Eisenberg. "Und wenn sie nur einmal im Jahr in die Synagoge kommen, sind sie dennoch willkommen." So lange diese "Fernstehenden" noch zur Gemeinde Kontakt hätten, "sind sie nicht verloren", sagte Eisenberg.

 

Über seine 33-jährige Amtszeit als Oberrabbiner sagte Eisenberg, er habe 1983 mit Elan und vielen großen Plänen begonnen, die er nur teilweise verwirklichen habe können. Heute sehe er eine seiner Aufgaben darin, sich für eine Verringerung von extremistischen religiösen Einstellungen einzusetzen. "Das beinhaltet auch eine weltoffene Koordination mit anderen Religionen."