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22.06.2016

Banker: "Wir wollen klare Signale senden"

Georg Lemmerer und Herbert Ritsch vom Bankhaus Schelhammer & Schattera im Interview über Wirtschaftsethik und Schöpfungsverantwortung

Ist das Bankhaus Schelhammer & Schattera nach dem Eigentümerwechsel noch eine "Kirchenbank"?


Georg Lemmerer: Die kirchlichen Eigentümer haben größtenteils die Anteile an die Grazer Wechselseitige Versicherung AG abgeben. Wir sind insofern noch eine Kirchenbank, als dass nach wie vor unser Bankhaus auf Basis der christlichen Werte steht und sich unsere Dienstleistung danach ausrichtet. Aber wir sind nicht mehr eine Bank der Kirche, sondern für die Kirchen. Es hat sich an unseren ethischen und nachhaltigen Kriterien nichts verändert. Das Einzige, was sich jetzt verändert hat, ist, dass wir im Dienstleistungsbereich noch ein großes Stück mehr auf kirchliche Einrichtungen zugehen wollen. Die Kirchen bzw. kirchliche und kirchennahe Organisationen und Institutionen sind nach wie vor unsere Hauptzielgruppe.

Wurde deshalb Ihre Abteilung gegründet?


Georg Lemmerer: Wir wollen ein klares Signal nach außen senden, dass wir als Bank für die Kirchen nach wie vor für Ethik und Nachhaltigkeit stehen. Es gibt somit ein eigenes Kompetenzcenter in der Bankengruppe der Grazer Wechselseitigen und dort eine Abteilung, die sich um diese Themen  kümmert. Nicht losgelöst, sondern immer in Zusammenarbeit mit den Kunden und den Bedürfnissen, die tatsächlich am Markt vorhanden sind. Wir haben Ethik und Nachhaltigkeit sozusagen in der DNA. Seit vielen Jahrzehnten sind dies die Grundprinzipien des Hauses und gehören weiterhin fix zum Geschäftsmodell. Ich denke an die Worte von Aurelius Augustinus: "In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst." Wir tun uns wesentlich leichter als viele andere Banken, diese Werte den Kunden zu vermitteln, weil sie tatsächlich Teil unserer Identität sind.

Worin unterscheidet sich der Umgang mit kirchlichen Stellen im Vergleich zu anderen nicht-kirchlichen Stellen?


Georg Lemmerer: Das Besondere ist das Anforderungsprofil, wenn es um Veranlagung oder Kreditvergabe geht. Im kirchlichen Bereich betreuen wir beispielsweise sehr viele Versorgungsfonds. Das bedeutet, dass viele Priester nicht eine staatliche Pension beziehen, sondern die Pension von der Diözese oder bei Ordensmitgliedern von der Ordensgemeinschaft selbst getragen werden muss. Oder wenn in einem Stift oder Kloster Renovierungen oder Umbauten anstehen, bedarf dies keines konventionellen, klassischen Kredits wie an eine Privatperson. Da gibt es besondere Anforderungen, mit denen wir uns schon seit Beginn an beschäftigen, wo wir spezielles Wissen einbringen, das unsere Kunden zu ihrem Vorteil nutzen können. Wir wollen nicht Marktführer werden, was das Volumen betrifft, sondern wir wollen in den Punkten Qualität und Inhalt unsere Position klar behaupten.

Was hat sich in den letzten Jahren  bezüglich Veranlagung geändert?


Georg Lemmerer:  War Nachhaltigkeit bzw. Ethik früher ein Randthema, so wächst das Interesse wirklich sehr stark, immer mehr Menschen kommen konkret auf uns zu. Sie legen Wert darauf, dass eine marktadäquate Rendite unter Bedachtnahme von ökologischen, sozialen und ökonomischen Faktoren erwirtschaftet wird. Dass wir nicht eine isolierte ökologische, soziale oder ökonomische Krise haben, das ist spätestens seit der Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus jedem klar geworden. Alles steht miteinander in Beziehung und so muss man sich der sozio-ökologischen Krise auch nähern.

Nachhaltigkeit ist zu einem Modewort geworden. Welche Rolle spielt der Begriff in Ihrer Arbeit?


Herbert Ritsch: Das Wort "Nachhaltigkeit" als Hauptwort kommt in dieser ersten Enzyklika, die sich mit Bewahrung der Schöpfung auseinandersetzt, nie vor. Papst Franziskus dürfte ganz bewusst so entschieden haben, weil es sich dabei um einen inflationären Begriff handelt. Die Themen, die wir adressieren, sind um vieles umfassender. Die Inhalte kommen aus der katholischen Soziallehre, und bestimmte Werte wie Verantwortung spielen eine entscheidende Rolle. Unsere Arbeit stützt sich auf zwei Eckpfeiler: Menschenwürde und Schöpfungsverantwortung. Um diese bauen wir unsere Ideen und Konzepte und letztlich entstehen daraus unsere Finanzprodukte. Dass das Ergebnis dann nachhaltig ist, spricht natürlich für sich selber in der Sache, aber das Wort oder den speziellen Marketingbegriff würden wir so für sich selbst nie verwenden.  

Dient die Wirtschaft noch dem Menschen?


Herbert Ritsch: Man müsste davon ausgehen, dass die Wirtschaft etwas Sinnvolles bewirkt. Insofern, dass man aus der ursprünglichen Idee heraus eine Nachfrage, die es am Markt gibt, durch ein Angebot, Erzeugung von Produkten und Dienstleistungen, befriedigt und dafür eine entsprechende Entlohnung bekommt. Aufgrund der Deformationen, die die Wirtschaft und der Markt in den letzten 30 bis 40 Jahren angenommen haben, ist es keineswegs so, dass sie den Menschen an sich dient. Der Hauptgrund aus meiner Sicht: Viele Unternehmen haben sich hinter den Shareholdern, hinter dieser Blackbox, die niemand kennt, versteckt. Die Eigentümer sitzen vielleicht irgendwo im Ausland. In vielen Fällen sind diese keine Einzelpersonen, sondern auch wieder Gesellschaften. Die Strukturen sind nicht transparent, den Einzelnen kann man nicht mehr zu Verantwortung heranziehen. Diese Deformationen sehen wir in der Agro-Gentechnik, beim Landraub in den Entwicklungsländern, bei Rüstungskonzernen oder Nuklearenergieträgern, die in den Entwicklungsländern entsprechende Absatzmärkte finden.

 

Was verstehen Sie unter einem menschenwürdigen Wirtschaften?

 

Herbert Ritsch: Wenn man auf ein solches achten soll,  braucht man Ecken und Kanten. Man muss genau sagen können, für was man steht und für was nicht. Die katholischen Soziallehre bietet das Fundament, aus dem sich konkret ableiten lässt, was man ablehnt: Abtreibung, Euthanasie, Rüstungsindustrie, Atomenergie. Das bedeutet genauso, die großen CO2-Emissionsverursacher zu identifizieren und an den Pranger zu stellen, die Todesstrafe kategorisch in den jeweiligen Ländern abzulehnen, einzufordern, dass Menschenrechte entsprechend befolgt und beachtet werden, dass die arbeitsrechtlichen Bedingungen eingehalten werden. Gerade in dieser Nachhaltigkeitsdiskussion hat man wirklich die Möglichkeit und die Chance, die Moral in die Finanzwelt zurückzubringen und durch ethische Leitplanken Geldströme zu lenken.

Was bedeutet das Weggehen vom Prinzip der Gewinnmaximierung hin zu einer Gewinnoptimierung?


Herbert Ritsch: Gewinnmaximierung beinhaltet nur ökonomische, aber nicht die ökologischen und sozialen Kosten. Ge-winnoptimierung bedeutet eine Vollkostenrechnung und berücksichtigt Kosten, die derzeit nicht quantifiziert sind, aber zukünftig wohl sein müssen, nämlich Luft, Wasser, Natur. Daran führt kein Weg vorbei. Das sind entscheidende Faktoren, die in diese Kalkulation mit einfließen und den Gewinn möglicherweise reduzieren, aber diesen auf eine längerfristige Basis stellen. Eine Möglichkeit der Quantifizierung besteht im Messen des CO2-Fußabdruckes, d.h. der Berechnung der Menge an CO2-Emissionen, die ein Betrieb in einer bestimmten Zeit verursacht. Vorsorgekassen beispielsweise beginnen Unternehmen aus ihrem Portfolio herauszunehmen, wenn diese eine bestimmte Grenze an Kohlenstoffdioxid-Emissionen überschreiten.