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22.06.2016

Kirchliche Orte: „Wegschneisen in die Kirche“

Interview mit Pastoraltheologin Regina Polak über die Bedeutung des Netzwerks kirchlicher Orte

Es gibt mancherorts so etwas wie eine innerkirchliche Jammerkultur: Alle starren auf die – bildlich gesprochen – Löcher im Schweizer Käse.

 

Wie kann der Blick für das Ganze, für das lebendige Wurzelwerk kirchlichen Lebens geweckt werden?


POLAK: Das Stichwort ist „Erinnerung“.

  • Erinnert Euch an das, was Eure Gemeinde auszeichnet, die Gaben und Charismen jeder und jedes Einzelnen, die Ressourcen und Fähigkeiten der Gemeinde als ganzer.
  • Sucht die ungeborgenen Schätze und findet heraus, was Euch besonders und einmalig sowie unverzichtbar macht!
  • Erinnert Euch an Eure religiösen, vor allem Eure spirituellen Wurzeln!
  • Lernt die Bibel tiefer und spiritueller kennen, sucht nach Eurer Berufung – in kontemplativer Stille, im Gebet, in der Liturgie, in der Schriftlesung...

Und zugleich lernt Eure Umgebung kennen:

  • Wie geht es den Menschen rundherum?
  • Was brauchen diese – und was habt Ihr zu geben?
  • Sucht nach den Zeichen der Zeit. Dann habt Ihr soviel zu tun, dass gar keine Zeit mehr ist zum Jammern.

 


Ist den Pfarren bewusst, dass sie das Kirchenjahr über große Netzwerke mit unzähligen Menschen guten Willens knüpfen?


POLAK: Ich habe dazu keine empirischen Daten, aber ich fürchte, eher nicht. Und wenn, dann eher im Modus des Klagens, was die Leute alles nicht mehr mitbringen, nicht können, nicht tun ...

 

Ich empfehle seit Jahren, der Sakramentenvorbereitung ganz hohe Priorität einzuräumen, dies sind die „Wegschneisen“ in die Kirche, sie brauchen besondere Achtsamkeit!

Was tun, wenn  neue Christen kommen, die nicht so ohne weiteres dieselbe  Kirchenwirklichkeit leben wollen, sondern neue Orte gemeindlichen Lebens in der Pfarre schaffen?


POLAK: : Persönlich und strukturell unterstützen, ganz einfach. So oft passiert das ja noch nicht. Teilhabe ermöglichen, Kontakt pflegen, miteinander lernen...

Wo gibt es Orte, in denen  Menschen „Kirche für Beginner“ erleben dürfen?

 

POLAK: Oje... ich fürchte, da gibt es wenige. In der Zukunft wird es neue Formen des Katechumenats brauchen, Orte und Netzwerke, wo Menschen mitlernen können, was es bedeutet, Christin, Christ zu werden. Davon können auch die Alteingesessenen profitieren.



Pfarren sind oft auf die treue Kerngemeinde fixiert. Wie können sie, die Pfarren, missionarischer, offener werden  für neue Orte?

 

POLAK: Zuallererst einmal neugierig sein auf „die Welt da draußen“!

 

Da gibt es soviel zu entdecken, zu lernen, zu tun: Die Zeichen der Zeit identifizieren, und zwar jene, die sich in der Umgebung zeigen, die dann im Horizont der „großen“ Zeichen der Zeit bedacht werden sollten.

 

Absichtslosigkeit ist dabei wichtig – d. h. nicht überlegen, wie ich die anderen für mich gewinne oder überzeuge, sondern wahrnehmen, was sich mir zeigt und dann überlegen, was ich, meine Gemeinschaft beitragen kann.



Werden Orte wie etwa Schule, Kranken­hausseelsorge oder die Einrichtungen der Caritas als kirchliche Orte wahrgenommen und wertgeschätzt?


POLAK: Ich fürchte, viel zu wenig. Genau dort aber gibt es für die Kirche so viel zu lernen. Hier braucht es institutionalisierte Lernorte und Prozesse. Dann wären das diakonische Element und das Lernen auch wieder Teil der Gemeindepastoral. Die Kirche kann so Lerngemeinschaft werden.