Für eine neue ökosoziale Wirtschaftsordnung und ein selbstverordnetes Maßhalten beim eigenen Streben nach Eigentum plädiert der deutsche Zukunftsforscher und Finanzexperte Dirk Solte. Das "Schreien nach Wachstum" stecke heute als "elitäre Macht" in den Köpfen vieler Menschen und beherrsche ihr Denken, sagte Solte am Freitagabend, 10. Juni 2016 bei einem Podiumsgespräch im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" in Wien. Es lohne sich, für das Menschenrecht auf Eigentum zu kämpfen. "Nur das Streben nach immer mehr davon ist ein Irrsinn, der viele befallen hat", so der Autor des im Vorjahr erschienen Buchs "Wann haben wir genug?: Europas Ideale im Fadenkreuz elitärer Macht".
Die aktuelle Produktions- und Konsumkultur verbrauche deutlich mehr Ressourcen als auf dem Planeten vorhanden seien. Um global eine gewisse Teilhabefairness im Sinne einer ökosozialen Marktwirtschaft zu erreichen, müsse man diese auch in Gesetze gießen und damit verbindliche ökologische und soziale Standards umsetzen. Ziel sei "eine Ökonomie, mit der wir produzieren können, ohne unsere Umwelt kaputt zu machen". Solte setzt dabei ganz auf junge Menschen, die in diesen Fragen anders denken würden als ihre Vorgängergenerationen.
Der Zukunftsforscher äußerte sich bei einer Diskussionsveranstaltung im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" in Wien. Weitere Teilnehmer des Gesprächs unter dem Leitwort "Menschen folgen dem Fluss des Geldes - ethisches Wirtschaften Heute" in der Sala Terrena im Heiligenkreuzerhof waren die Wiener Ökonomie-Professorin Sigrid Stagl, der Banker Herbert Ritsch und die Jungunternehmerin Therese Steininger.
Stagl, die das Institut für Ökologische Ökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien leitet, kritisierte, dass das Finanzkapital heute eine zu große Bedeutung bekommen habe. Die Finanzwirtschaft solle eigentlich der realen Wirtschaft dienen, folge aber mittlerweile einer eigenen inneren Logik und Dynamik, sprach sie sich für grundlegende Veränderungen aus.
Zur Frage, ob Wirtschaftswachstum notwendig sei, stehe die Umweltökonomie im Prinzip neutral, betonte Stagl. Es gelte aber die biophysischen Grenzen des Wirtschaftens zu berücksichtigen. Dass reiche Länder auf dem Weg zu einer globalen nachhaltigen Wirtschaft weiterhin wachsen können, glaubt die Ökonomin nicht. "Wir werden das Regelwerk ändern müssen", so Stagl, die damit sowohl auf die Änderung internationaler Welthandelsverträge, als auch des Finanzregelwerks sowie generell des Gesellschaftsvertrags abstellte.
Vielen gerade jungen Menschen sei Materielles heute gar nicht mehr so wichtig; vielmehr gehe es um Entfaltungsmöglichkeiten im Leben, sagte Therese Steininger. Für die Geschäftsführerin von "Wohnwagon" - einem Projekt für nachhaltiges Wohnen - liegt der Luxus der aktuellen Zeit in einer Reduktion auf das Wesentliche. Geld müsse wieder zu einem Werkzeug werden, das schlicht den Austausch von Waren ermögliche, sage sie.
Wer Geld in die Hand nehme, betrete automatisch auch den "Raum der Moral", sagte Herbert Ritsch, der beim Wiener Bankhaus "Schelhammer & Schattera" seit kurzem Direktor für Wirtschaftsethik und Schöpfungsverantwortung ist. Es sei eben nicht egal, in welche Aktie man investiere, da jedes Investment auch Auswirkungen habe. Das Thema Nachhaltigkeit bewege sich auch in der Finanzwelt weg von Nischenprodukten hin zu einem Mainstream, so Ritsch. Ob Banken jedoch allein mit ethisch hochwertigen Investmentangeboten überleben können, beurteilt er derzeit noch skeptisch. Zwar forcierten etwa Kirchen und auch andere Institutionen ethische Fonds und auch sogenanntes "impact investing", bei dem es nicht nur Rendite, sondern um bestimmte soziale und ökologische Ziele geht. Bei großen Pensions- oder Vorsorgekassen sei hier aber noch ein weiter Weg zu gehen.