Die assyrischen Christen aus Syrien und dem Irak, die zur Flucht gezwungen wurden, sind den aufnehmenden Ländern in Europa, Amerika und Ozeanien dankbar. Das hat der für Europa zuständige Bischof der assyrischen Apostolischen Kirche des Ostens, Bischof Mar Odisho Oraham, im Gespräch mit dem "Pro Oriente"-Informationsdienst am Mittwoch, 8. Juni 2016 in Wien betont. "Das gilt besonders auch für Österreich", sagte Oraham. Seine Kirche lehre ihre Gläubigen, dass sie in der neuen Heimat gesetzestreue Bürger sein und sich integrieren müssten und das Erlernen der neuen Sprache sowie Bildung besonders wichtig seien. "Seid gute Österreicherinnen und Österreicher", so der Appell des Bischofs.
Die Stiftung "Pro Oriente" veranstaltet in zwei Wochen in Salzburg eine große Ostkirchentagung mit Fokus auf die ostsyrischen Kirchen. Mar Odisho Oraham ist seit seiner Studienzeit in England mit "Pro Oriente" verbunden. Im Interview bezeichnete er es als großes Verdienst der von Kardinal Franz König (1905-2004) begründeten Stiftung, "die Kirchen des Orients an einen Tisch" gebracht zu haben. Aber es bleibe noch viel zu tun.
Immer noch würde zum Beispiel die Apostolische Kirche des Ostens als "Nestorianische Kirche" bezeichnet, obwohl sie nichts mit dem umstrittenen Patriarchen Nestorius (381-451) zu tun habe. Solche Abqualifizierungen seien kein Weg, "wenn wir als Christen zusammenkommen wollen", sagte der assyrische Bischof.
Er setze aber auf die Offenheit neuer Führungspersönlichkeiten in den orientalischen Kirchen. Dabei nannte er den koptischen Papst-Patriarchen Tawadros II. und den syrisch-orthodoxen Patriarchen Mar Ignatius Aphrem II.
Als positives Beispiel der Annäherung der getrennten Kirchen verwies Oraham auf die Begegnung zwischen dem assyrischen Patriarchen Mar Dinkha IV. (1935-2015) und Papst Johannes Paul II. (1978-2005) im November 1994 im Vatikan, bei der auch eine in zehnjähriger Arbeit vorbereitete Konsenserklärung zur Christologie unterzeichnet wurde.
Der assyrische Bischof unterstrich auch, dass seine Kirche die chaldäisch-katholische Kirche - sie beruht auf der Union eines Teils der Apostolischen Kirche des Ostens mit Rom im 16. Jahrhundert - als "Schwesterkirche" betrachte. "Trotz aller Trennungen sind die Christen auch heute in Wahrheit eine Kirche", betonte der Bischof: "Auch die IS-Terroristen machen keinen Unterschied nach Konfession, wenn sie gegen Christen vorgehen."
Zu der von Mar Odisho Oraham geleiteten Europa-Diözese gehören u.a. die assyrischen Gemeinden in Schweden, Norwegen, Großbritannien, Deutschland und Österreich. Die Zahl der in Österreich lebenden Mitglieder seiner Kirche schätzt der Bischof auf zirka 500. Außer in Wien gibt es kleine Gemeinden auch in Graz, Linz und Braunau.
In der Spätantike und im Mittelalter war die Apostolische Kirche des Ostens in ganz Asien präsent gewesen. Der Erforschung dieser Präsenz vor allem in Zentralasien und China ist jetzt ein großes wissenschaftliches "Pro Oriente"-Projekt gewidmet, die Salzburger internationalen "Jingjiao"-Konferenzen (nach dem chinesischen Namen des ostsyrischen Christentums). Die fünfte dieser Konferenzen findet demnächst - von 18. bis 23. Juni - statt.
Der Stiftung "Pro Oriente" war es gelungen, vor allem im deutschsprachigen Bereich, aber auch darüber hinaus, durch den Dialog mit der assyrischen Kirche die große syrische Tradition des Christentums ins Bewusstsein zum rufen. Die syrische Tradition gilt als gleichberechtigt mit der lateinischen und der griechischen Tradition. Vieles, was "Pro Oriente" publiziert dazu hat, ist auch in die gemeinsamen Erklärungen von Päpsten und Patriarchen eingegangen.
Laut "Pro Oriente"-Präsident Johann Marte steht in den vergangenen Jahren im Dialog mit der assyrischen Kirche zunehmend die Fragen der Diaspora und des Verhältnisses von Christentum und Islam in Geschichte und Gegenwart im Vordergrund. Leider sei die assyrische Kirche heute wie alle orientalischen Kirchen wieder von einer ungeheuren Welle der Verfolgung betroffen. Die assyrischen Christen hätten ein spirituelles und kulturelles Erbe zu bewahren, das ein "Edelstein des Christentums" sei.