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Monika Fischer
02.06.2016

Urlaub: Reisen ist Begegnung

Harald Friedl über die Kunst des respektvollen Reisens.

 

Wir sind eine Kultur, die soviel reist, wie es noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gemacht wurde, die aber sehr wenig über den Horizont hinausgeht“, meint Tourismusethiker Harald Friedl, „im klassischen Tourismus bewegt man sich in alt eingefahrenen Bahnen, es ist ein Konsum von Konsumversprechungen.“

 

Wer im All-Inclusive-Club sitzt, erlebe nicht mehr als ein Live-Kino und lerne weder Land noch Leute wirklich kennen. Spannend werde es da, wo man sich ein bisschen hinauswagt und auf die Fremde einlässt.

Damit Begegnung gelingt

Wie man dem Fremden begegnet, hänge in erster Linie davon ab, wie man sich selbst sieht, so Harald Friedl. Wer sich selbst positiv erlebt, könne auch anderen offen und unvoreingenommen gegenübertreten.


„Das Grundprinzip ist, so mit der Welt und den Menschen umzugehen, wie ich selbst behandelt werden möchte.“

 

Respektvolles Reisen nennt Harald Friedl das: „Es bedeutet im Grunde genommen, möglichst viele schöne Erlebnisse zu haben und gleichzeitig einen Beitrag dazu zu leisten, dass ich auch später wieder in dieses Land zurückkommen kann.“


Wer den Urlaubsort als Lebensraum von Menschen mit ihrer Kultur respektiert, könne die unwahrscheinlichsten Dinge erleben, das hat Friedl selbst erfahren: „Als Student bin ich in Tunesien 150 km über die Berge gewandert.

 

Es war Ramadan und ich habe darauf geachtet, nichts vor den Leuten zu mir zu nehmen. Eines Abends wurde ich in einem kleinen Dorf  vom Fleck weg zum Fastenbrechen  eingeladen. Ich bin von Familie zu Familie weitergereicht worden, bis ich fast zum Platzen voll war. Wir haben wunderschöne Gespräche geführt, und es war unwahrscheinlich familiär.“

 


An der Mehrheit orientieren

Damit einer positiven Begegnung nichts im Wege steht, empfiehlt der langjährige Reiseleiter, sich an der Mehrheit der Einwohner zu orientieren, zum Beispiel bei der Kleidung.

 

Dass sich die Menschen in anderen Ländern mehr bedecken, hat nicht nur mit Werten zu tun, sondern auch praktische Gründe. „Damit das Hirnkastl geschützt ist“, erklärt Harald Friedl und zitiert ein Sprichwort aus südlichen Regionen: „Zum Mittag gehen nur Ziegen und Touristen in die Sonne“. Manche Gepflogenheiten, etwa die Siesta, sind einfach sinnvoll.

Wie geht man mit der Armut um?

Die Konfrontation mit Menschen in großer Armut ist für viele Urlauber ein Schock. „Wir müssen lernen, mit völlig unterschiedlichen Lebensbedingungen umzugehen“, findet Harald Friedl, „es wird immer Arme geben, das wusste schon jemand vor 2000 Jahren.

 

Aber es macht einen Unterschied, wie ich mit dieser Armut umgehe.“ Gerade hier gelte es, den Menschen den nötigen Respekt zu erweisen, sie zum Beispiel nicht ungefragt zu fotografieren. Friedl hat immer einen Sack voller Münzen dabei: „Das sind Kleinstbeträge, aber man kann etwas geben und alle sind happy.“

 

Bettelnden Kindern sollte man nichts geben. „In Indien werden Kinder verstümmelt, damit sie mehr Mitleid erregen“, berichtet Harald Friedl. Außerdem zerrütte es Familie, wenn die Kinder mehr Geld durch ihr Lächeln verdienen als die Eltern als Tagelöhner.

 

Auch Zuckerl sind keine geeigneten Geschenke: „Es mangelt an medizinischer Versorgung, Karies ist oft epidemisch.“ Wer sinnvoll helfen will, wendet sich an eine NGO am Ort.

Darf man überall hin?

Ob man in Länder reist, die politisch problematisch sind, muss man mit dem eigenen Gewissen ausmachen, sagt der Tourismusethiker.

 

In der Traumdestination Malediven etwa herrscht eine der schärfsten Diktaturen der Welt, „mit einem radikalen Islam“, weiß Harald Friedl, „gemessen an der Einwohnerzahl stammt von dort die höchste Anzahl an IS-Kämpfern, es gibt die Prügelstrafe usw..“

 

Davon bekommen die Touristen nichts mit, denn geographisch sind die Urlauberinseln von den  Einheimischeninseln völlig getrennt.  Der erste demokratisch gewählte Präsident wurde ins Gefängnis gesperrt und hat von dort aus gebeten, das Land nicht zu boykottieren. „Wenn ein Land ganz stark vom Tourismus abhängig ist und plötzlich bricht das weg, droht das System zu kollabieren. Das bedeutet im ärgsten Fall Bürgerkrieg.“

 

In Myanmar, so Friedl, habe die Einbindung von Touristen langsam zu einer positiven Entwicklung und zur Öffnung des Landes beigetragen.

 

Brücken bauen

„Wenn man mit offenem Geist und offenen Augen reist, wenn man zuhört und interessiert ist, beginnt man, besser zu verstehen – auch wenn man manches nicht billigt“, ist Harald Friedl überzeugt, „der Brückenbau ist das wichtigste zivilisatorische Instrument, das eine Verschärfung von Konflikten verhindern könnte.“


Respektvolles Reisen lässt sich natürlich auch im Inland umsetzen. „Durch den Verfall des Milchpreises sind viele Bauern zum Aufgeben gezwungen.

 

Urlaub auf dem Bauernhof kann zu ihrem Lebensunterhalt und damit zum Erhalt der Region beitragen – und eine Radikalisierung in der Politik verhindern.“


Er selbst werde immer mehr zum „Stauner“, meint Harald Friedl: „So gesehen ist für mich das Leben zu einer ständigen Reise, einem ständiges Abenteuer geworden.“