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11.05.2016

Christentum ohne Wurzel?

Interview mit Jan-Heiner Tück über die Wurzeln des Christentums.

 

Der evangelische Berliner Systematik-Professor Notger Slenczka schreibt: „Das Alte Testament sollte in der Tat keine kanonische Geltung in der Kirche haben.“ Was steckt hinter dieser Debatte?


Jan-Heiner Tück: Hinter Notger Slenczkas Votum stehen zwei Argumente.

 

  1. Das erste nimmt auf die veränderte Diskussionslage der Theologie nach Auschwitz Bezug und weist darauf hin, dass das Textkorpus des Alten Testaments zunächst und vor allem der „Fremdreligion“ des Judentums gehöre. Die Kirche würde mit der Übernahme des AT Gefahr laufen, das Judentum zu enteignen.

  2. Das zweite Argument bezieht sich auf die historisch-kritische Methode, welche die Bücher des Alten Testaments in ihrem jeweiligen geschichtlichen Kontext liest. Eine Lesart, die im Alten Testament Spuren auf Jesus Christus hin zu erkennen glaube, sei im Horizont der modernen Exegese nicht mehr möglich.

    Faktisch habe die Bibelwissenschaft eine christologische Lesart des AT aufgegeben.

Angesichts dieser beiden Argumente scheint die Forderung einer Entkanonisierung des AT beinahe unausweichlich. Um diese fatale Schlussfolgerung zu vermeiden, muss man die Argumente kritisch prüfen.

 
Warum gehört der erste Teil der Bibel zur Heiligen Schrift unbedingt dazu?

 

Jan-Heiner Tück: Schon in der Alten Kirche hat Markion das AT aus dem Kanon entfernen wollen. Er lehrte einen Dualismus zwischen dem dunklen Gott des Gesetzes, den er dem AT zuordnete, und dem fremden Gott der Liebe im Evangelium.

 

Die Kirchenväter haben diesen Dualismus klar zurückgewiesen. Statt die Schriften des AT als Zeugnis des bösen Weltenschöpfers zu verwerfen, haben sie betont, dass der heilsgeschichtliche Zusammenhang zwischen Altem und Neuen Bund nicht zerschnitten werden dürfe.

 

Mit der Einheit des Gottesbegriffs haben sie die Einheit der Schrift in der Zweiheit ihrer Testamente verteidigt. Diese gegen Markion erfolgte Weichenstellung ist für die weitere Entwicklung von Kirche und Theologie bedeutsam geworden und ist es bis heute.
 
Allerdings ist in der Alten Kirche auch der Antijudaismus entstanden?

 

Jan-Heiner Tück: Das ist richtig. Dieselben Kirchenväter, die für die Beibehaltung des AT argumentiert haben, haben die These vertreten, dass die heilsgeschichtliche Rolle der Synagoge durch die Ekklesia abgelöst worden sei.

 

So konnte Tertullian, der eine umfangreiche Schrift gegen Markion verfasst hat, zugleich einen Traktat gegen die Juden schreiben, in dem eine ganze Serie von theologischen Überbietungsfiguren aufgeboten wird.

 

Die Kirche sei das neue Israel. Die Juden hätten durch ihre Weigerung, Jesus als Messias anzuerkennen, schwere Schuld auf sich geladen. Dafür seien sie mit der Zerstörung des Tempels und der Zerstreuung in alle Länder der Welt bestraft worden usw.

 

So sehr heutige Theologie die gegen Markion gerichtete Weichenstellung der Kirchenväter begrüßen wird, so sehr wird sie den Anstoß des letzten Konzils aufnehmen (vgl. Nostra Aetate 4) und sich von antijudaistischen Denkmustern distanzieren müssen.
 
Geht mit der Abwertung des Alten Testaments nicht immer auch eine Abwertung des Judentums einher?


Jan-Heiner Tück: Ja, die Gefahr besteht. Würde man das Alte Testament aus dem Kanon streichen, liefe das nicht nur auf eine Verkürzung der biblischen Überlieferung hinaus, sondern auch auf eine problematische Entjudaisierung und Entwurzelung des Christentums.

 

Eine solche Amputation aber kann niemand wollen. Das hat die römische Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum jüngst noch einmal klargestellt: „Die Kirche stünde ohne ihre jüdischen Wurzeln in der Gefahr, ihre heilsgeschichtliche Verankerung zu verlieren und erläge damit einer letztlich unhistorischen Gnosis.“