Ja, es gibt eine alte Rivalität zwischen Sozialdemokratie und katholischer Kirche. Sie rührt aus dem 19. Jahrhundert und hatte ihren Höhepunkt in der Zeit zwischen den Weltkriegen.
Macht es Freude, den alten Rivalen, zusammengefasst in der SPÖ, am Boden liegen zu sehen?
Nein. Nicht nur, weil es sich mit dem politischen Katholizismus nicht viel anders verhält.
Sondern vor allem, weil die Sozialdemokratie eine große humanistische Tradition hat.
Sie hat die Bildung als einen wichtigen Weg zum wahren Menschsein, den Respekt vor den kleinen Leuten, die Teilhabe aller an den Gütern der Welt hochgehalten und dazu beigetragen, die Arbeiterschaft aus materieller, aber auch aus kultureller Verelendung herauszuholen.
Bei allen sonstigen Vorbehalten gegen die sozialdemokratische Ideologie: Diese humanistische Tradition hinterlässt ein trauriges Vakuum, das derzeit eher mit Vorurteilen und Frustration aufgefüllt wird als durch einen Ethos der solidarischen Überwindung des Elends.
Die „Wiener Kirchenzeitung“ brachte, nachdem Dollfuss 1934 die Sozialisten besiegt hatte, auf ihrem Titelblatt eine Zeichnung, die zeigte, wie die Arbeiter, von ihren „Verführern“ getrennt, nun wieder heim in die Kirche strömten. Das war damals eine Illusion und ist es auch heute.
Das verstörende Schauspiel der Auflösung alter Ordnungen, das sich vor unseren Augen abspielt und auch von einem neuen dynamischen SP-Chef kaum aufgehalten werden kann, muss uns nicht freuen, soll uns aber auch nicht zu sehr erschrecken.
Die Karten werden neu gemischt – und ob wir Christen in Zukunft mitspielen, entscheiden wir selber.
Wir haben dazu nur eine einzige wichtige Wahl zu treffen, jeder Einzelne von uns: ob wir lieber auftreten oder abtreten.