Warum traten Sie in den Jesuitenorden ein und wurden Priester?
Father Kenneth Gavin: Ich wurde wahrscheinlich Jesuit, weil ich eine jesuitische Schule besuchte und dies mein ganzes späteres Leben beeinflusste. Die Frage nach der Berufung stelle ich mir laufend. Sie muss wieder und wieder während des ganzen Lebens beantwortet werden. Für mich steht der Dienst an Gott und der Dienst am Menschen im Vordergrund. Meine Tätigkeit im Jesuiten-Flüchtlingsdienst in den letzten 13 Jahren hat mich gelehrt, was es heißt, Gott in den verwundbarsten Menschen zu entdecken. Das hat mein Leben als Ordenspriester verändert. Ich bin heute in Rom mit sehr viel Büroarbeit beschäftigt und muss eine Menge von Papierkram erledigen. Aber meine Besuche bei Flüchtlingen zeigen mir immer wieder, dass ich in den Augen des mir fremden Menschen, der ganz anders ist, den Glanz der Göttlichkeit, den Funken des göttlichen Lebens sehen kann. Und dann wird unsere Beziehung gleich eine andere.
Papst Franziskus sagt, die Welt leide an der Globalisierung der Gleichgültigkeit, die diejenigen ignoriert, die nach Barmherzigkeit schreien. Ist es Zeit, dies zu ändern?
Father Kenneth Gavin: Im Jahr der Barmherzigkeit sehe ich viele Pilger in Rom durch die heiligen Pforten gehen. Ich möchte gerne wissen, ob die Menschen verstehen, was dies bedeutet. Es heißt, die Portale der Liebe Gottes zu öffnen, die Tore für die Flüchtlinge zu öffnen, die in dieser Zeit oft die Erfahrung von geschlossenen Türen machen. Wenn sie offene finden wollen, dann müssen sie erst dagegen drücken. Für mich bedeutet Barmherzigkeit, dass Gott seine Arme ausstreckt und die Menschen in seiner Liebe bedingungslos willkommen heißt. Das klingt vielleicht sehr theologisch. Für uns Jesuiten ist es wichtig, dass Barmherzigkeit konkrete Wirklichkeit wird.
Wie versuchen Sie das zu erreichen?
Father Kenneth Gavin: Vor allem durch Bildung. Für uns bedeutet sie mehr als Lesen, Schreiben, Rechnen. In unserer jesuitischen Tradition sehen wir Bildung als die Entwicklung von Menschen, die für andere da sind und sich für diese einsetzen. Bei uns steht nicht der Bau von Schulen im Mittelpunkt, uns geht es immer um die Begleitung der Menschen im Lernprozess. Klassenzimmer alleine reichen nicht, es braucht auch gut ausgebildete Lehrkräfte. Deshalb konzentrieren wir uns in unserer Arbeit besonders auf deren Fortbildung.
Warum ist der Zugang zu guter Bildung für die Flüchtlingskinder rund um die Welt so wichtig?
Father Kenneth Gavin: 50 Prozent aller Flüchtlinge haben nur eine Grundschulausbildung. 25 Prozent bekommen eine sekundäre Ausbildung, nur ein Prozent hat die Möglichkeit eines Zuganges zur Universitätsbildung. Wir wollen unseren Fokus auf die sekundäre und tertiäre Ausbildung legen, ohne auf die primäre zu vergessen. Bei den Flüchtlingen haben wir gesehen, dass Bildung eine unglaubliche Zahl von verschiedenen Dingen mit sich bringt. Zunächst einmal Stabilität in der Flüchtlingssituation. Wenn Eltern ihre Kinder in die Schule schicken können, sie am Morgen aufwecken und anziehen, ihnen etwas zu Essen geben und sie in die Schule bringen, schätzt das die ganze Gemeinschaft. Noch mehr: Schulen in Flüchtlingssituationen sind Plätze der Sicherheit. Papst Franziskus hat es beim 35-Jahr-Jubiläum des Jesuitenflüchtlingsdiensts am 14. November 2015 treffend gesagt: „Es gibt kein größeres Geschenk, als einem Kind einen Platz in einem Klassenzimmer zu geben.“ Ein Sitzplatz in der Schule gibt einem Flüchtlingskind einen gewissen Schutz, nicht ein Kindersoldat werden zu müssen oder Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden.
Wie sehen die Erfolgsgeschichten aus?
Father Kenneth Gavin: Mit seinen Bildungsmaßnahmen verfolgt der Jesuitenflüchtlingsdienst eine Vision: Sie geben Hoffnung, wo es keine gibt. Flüchtlinge haben viel verloren. Ihr Hab und Gut, Familienmitglieder. Manchmal glaube ich, haben sie sogar das Gefühl für ihre Identität verloren. Die tiefste Bedeutung von Bildung liegt darin, jungen Menschen das Gefühl zu geben, wer sie sein könnten. Wir sehen Flüchtlinge, die jetzt die Möglichkeit erfahren, etwas in ihrem eigenen Land zu bewegen. Bildung hilft ihnen, kritisch zu denken. Sie bietet ihnen eine Hilfestellung, zu schauen, woher sie gekommen sind, sich die Schwierigkeiten des Landes anzusehen und die Lehren daraus für die Zukunft zu ziehen.
Menschen in Europa haben Angst vor den Flüchtlingsströmen. Was fürchten wir?
Father Kenneth Gavin: Wir dämonisieren verständlicherweise die terroristischen Anschläge in Europa, im Nahen Osten und im restlichen Asien. Sie schüchtern uns ein und machen uns glauben, alle Muslime sind potenzielle Terroristen, obwohl wir klar wissen, dass das nicht der Fall ist. Die Begegnung mit den Menschen nimmt die Angst. Wenn man etwa bemerkt, dass eine syrische Familie mehr gemeinsam mit der eigenen hat, als man angenommen hat. Sie haben dieselben Wünsche, dieselbe Liebe und dieselben Ängste.
Ist die Flüchtlingskrise nicht auch eine Krise der Politik?
Father Kenneth Gavin: Das sicherlich im großen Ausmaß. In den westlichen Medien kommen sehr stark die Pro-Assad- und die Anti-Assad-Gruppen zu Wort. Die Menschen in der Mitte werden kaum gehört. Wir als Flüchtlingsdienst dürfen keine politische Position einnehmen, aber eine menschliche, wenn wir uns um Flüchtlinge kümmern. Wir wollen Fürsprecher für die Zivilbevölkerung sein und ihnen eine Stimme im Friedensprozess verleihen. Das ist nicht leicht, denn die Welt der Interessensvertretung ist immer eine Welt des Kompromisses.
Der Flüchtlingsdienst der Jesuiten arbeitet auch in muslimischen Ländern. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Father Kenneth Gavin: In Syrien haben wir bereits sehr viel an Soforthilfe geleistet, große Lebensmittelverteilungen im Laufe der letzten fünf Jahre organisiert. Im Flüchtlingsdienst arbeiten Muslime und Christen zusammen. Aber was geschieht? Sie beten nicht gemeinsam und haben keine theologischen Diskussionen miteinander. Aber im gemeinsamen Arbeiten bekommen sie ein intensiveres Verständnis, was es heißt, ein Mensch zu sein – mit einem tieferen Vertrauen und Wertschätzung gegenüber den anderen Traditionen. Interreligiöser Dialog geschieht, indem unsere Mitarbeiter Seite an Seite in dieser Situation zusammenarbeiten, um syrischen Mitbürgern zu helfen.
Ein anderes Thema: In den Präsidentschaftsvorwahlen in Ihrem Heimatland USA wird über Einwanderung heftig diskutiert.Was denken Sie darüber?
Father Kenneth Gavin: Wir sind eine Nation von Einwanderern. Mein Hintergrund ist ein irischer auf der väterlichen Seite, ein deutscher und skandinavischer auf der Mutterseite. Es werden immer wieder Geschichten wie diese erzählt: "Erinnert ihr euch an eure Tante Sophie? Sie sprach nur drei Wörter Englisch, aber sie war das Herz und die Seele der Familie und hielt sie zusammen." Oft bekommt man heutzutage die Antwort: "Ja, aber heute sind die Zeiten anders."
Worin liegt der Unterschied? Ist es der Terrorismus, die unterschiedlichen religiösen Kulturen? Ist die Vielfalt nicht das, was die Vereinigten Staaten mit allen ihren Fehlern zu dem gemacht hat, was sie heute sind, ein Land, das Leben hat? Kann so etwas nicht auch in Europa geschehen? Mauern zu bauen, ist keine Lösung. Es ist töricht, zu denken, dass die Errichtung von Zäunen das Problem lösen kann, denn die Leute gehen um die Absperrung herum, sie graben unten durch, sie fliegen darüber. In den Vereinigten Staaten gibt es Wirtschaftsflüchtlinge, weil die Wirtschaft sie braucht. Also kann man sie nicht zur gleichen Zeit wollen und nicht wollen.