Ein Strom von Flüchtlingen wanderte in den Jahren 1731/32 von Süd nach Nord-Ost, quer durch Europa. Der Salzburger Fürsterzbischof Leopold Anton von Firmian hatte rund 22.000 Salzburger Lutheraner („Salzburger Exulanten“) des Landes verwiesen.
Die Vertriebenen stammten vorwiegend aus dem Pongau und dem Pinzgau. Zwei Drittel aller Bauernhöfe in den beiden Gebirgsgauen blieben verwaist zurück, was den größten Bevölkerungsverlust bedeutete, den Salzburg je erfahren hatte.
Auf der Suche nach einer neuen Heimat fanden die meisten Vertriebenen Aufnahme durch Friedrich Wilhelm I. in Preußen, dessen Ostgebiete durch die Pest entvölkert waren. Ein kleinerer Teil zog nach Holland; einige gelangten über England bis nach Amerika.
Vor genau 50 Jahren hat der damalige Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher die evangelischen Christen um Vergebung für die Protestantenvertreibung gebeten.
„Für die Bevölkerung und die Wirtschaft war dies katastrophal. Mehr als 1000 Höfe standen leer“, sagt Roman Summereder, Musikforscher und Professor für Orgel am Institut für Orgel, Orgelforschung und Kirchenmusik der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien, im Gespräch mit dem SONNTAG.
Die Auswanderer mussten sich in einem für sie völlig fremden Land eine neue Existenz schaffen.
Auf ihrem Weg dorthin kamen die Salzburger Protestanten auch nach Leipzig, wo Johann Sebastian Bach lebte und wirkte.
Bach hatte schon 1726 eine Kantate unter dem Titel „Brich dem Hungrigen dein Brot“ komponiert.
„Die Kantate Nr. 39 wurde wieder aufgeführt, als die Salzburger Protestanten 1732 in Leipzig durchzogen, dort begrüßt, empfangen und versorgt wurden“, erzählt Prof. Summereder. „Es handelt sich also um eine regelrechte Flüchtlingskantate“, die Bibelstellen aus Jesaja 58,7-9 aufgreife, so der Musikforscher.
Im Text der Kantate heißt es: „Brich dem Hungrigen dein Brot und die so im Elend sind führe ins Haus. So du einen nacket siehest, so kleide ihn ...“ Roman Summereder: „Der Text ist Bot schaft, Aufforderung zu sozialem Handeln.
Wie Bach diese Aufforderung in Musik umsetzt, ist genial. Er war im Vollbesitz seiner schöpferischen Kräfte und hatte alle kompositorischen Mittel zur Verfügung.
Wie der gesamte Barock hat auch Bach mit Gesten und Affekten gearbeitet: Körperliche Bewegungen und menschliche Gestik wird übersetzt in eine Gestik der Tonspannungen, Tonfolgen und Rhythmen.
In der Einleitungssinfonie hören wir hackende Motive und Rhythmen, die offensichtlich das Brechen des Brotes darstellen. Wenn der Chorsatz mit dem Text einsetzt, erklingen fließende kleine Sechzehntel-Motive, die man als sanftes Öffnen der Hand deuten kann – man sieht förmlich Hände, die Brot austeilen“, erklärt Roman Summereder.
Während der Reformation und Gegenreformation gab es zwischen Katholiken und Protestanten Glaubenskämpfe, deren Gewaltsamkeit heute nur mehr schwer vorstellbar ist.
„Das Beispiel der Bach-Kantate 39 macht aber deutlich, daß Solidarität geübt und Hilfe geleistet wurde für Menschen, die in Not sind - wie auch heute mit den aktuellen Flüchtlingsströmen“, sagt Summereder: „Die humanitäre Botschaft, die Bach mit seiner Kantate übermittelt, überhöht ihre musikalische Kunstfertigkeit“.
Der Musikforscher nennt zwei weitere Beispiele, die eine Vorstellung von Barmherzigkeit hörbar machen. Barmherzigkeit wird ja in jeder Messfeier in den Kyrie-Rufen thematisiert.
„Kyrie-Sätze in Mozart-Messen klingen vermeintlich lustig. So lustig sind sie aber nicht. Mozart war ein hintergründiger Komponist“, so Summereder.
Bekannt und beliebt ist das Kyrie aus der Krönungsmesse: „Es beginnt mit typisch barocken punktierten Rhythmen; man assoziiert sie heute gern vordergründig-genüsslich mit barocker Pracht.
Tatsächlich haben diese Rhythmen etwas Herrschaftlich-Martialisches, auch Bedrohliches. Man weiß, dass die Fürsterzbischöfe ihre Untertanen willkürlich behandelten. Erst in der darauffolgenden Sopran-Tenor-Arie ist der musikalische Fluss sanft und weich, bekommt mehr ,Eleison -erbarme dich‘-Charakter“, schildert Summereder.
Mozart, der in seinen Opern alle „Affekt-Register“ zu ziehen verstehe, habe gewusst, was „eleison“ wirklich bedeutet – auch einen Ruf nach Freiheit aus dieser Willkür. „Nicht umsonst ging Mozart weg aus diesem von Willkür geprägten Berufsfeld und wurde freischaffender Künstler“, resümiert Roman Summereder.
Im 20. Jahrhundert nehmen sich nur mehr wenige Komponisten einer explizit liturgisch geprägten Musik an, die Geistliche Musik ist in den Konzertsaal ausgewandert, z. B. Penderecki mit seiner Lukaspassion, die in den 1960er Jahren Furore machte.
„Nichtsdestoweniger findet sich in der Oper ,Wozzeck‘ von Alban Berg (1925) vielleicht das Beste, was überhaupt im 20. Jahrhundert zum Thema ,soziales Mitleid‘ komponiert wurde“, ist der Musikforscher überzeugt.
Der Ausruf „Wir arme Leut“ durchzieht die ganze Oper als Leitmotiv. Im dritten Akt findet sich das „Gebet der Marie“ die sich mit der Ehebrecherin aus dem Johannes-Evangelium vergleicht.
„Dieses Gebet ist ein Herausschreien der eigenen seelischen Qual und eine Bitte, die an das Erbarmen Gottes gerichtet ist. Es ist ein „Kyrie eleison“ außerhalb der Liturgie, völlig existenziell motiviert“, sagt Roman Summereder.
„Besonders berührend ist das Ende von Bergs aufwühlendem Opernwerk. Wozzeck tötet Marie in einer Verzweiflungstat und geht danach selbst ins Wasser.
In der letzten Szene hopst deren gemeinsames Kind auf einem Steckenpferd wie verloren auf der Bühne umher. Man fragt sich als Zuschauer: Was wird aus diesem Kind werden? Die anderen Kinder rufen erschrocken: ‚Du, deine Mutter ist tot!‘.
Das Waisenkind aber hopst scheinbar unberührt weiter. An dieser Stelle wabert ein Akkordgeflecht ins Nichts; bevor es abbricht, legt Berg viermal einen sanften Streicherakkord darüber.
Eine Ahnung steigt auf: Es wird jemand da sein, der sich dieses Kindes erbarmt. In dieser schrecklichen Verlassenheit entsteht eine Atmosphäre des Trostes und der Gewissheit, dass dieses Kind nicht verloren sein wird.“
Der Komponist Alban Berg konnte dies mit ganz einfachen, suggestiv eingesetzten Mitteln vermitteln. Summereder: „So lässt sich Barmherzigkeit auch darstellen, ohne dass es ausgesprochen wird. Mit den Mitteln des Klangs.“