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31.03.2016

Die Welt wie sie ist

Sr. Ruth Pucher lud zum Kreuzweg anhand von Ken Lums Kunstprojekt „Pi“ am Karlsplatz.

Der kanadische Künstler Ken Lum hat vor zehn Jahren für die Westpassage der U-Bahn-Station Karlsplatz in Wien unter dem Titel „Pi“ 14 Stationen gestaltet, in denen er anhand von aktiven digitalen Zahlen zum Teil  beunruhigende Entwicklungen in unserer Welt vor Augen führt.

 

 

Auf Spiegelflächen leuchten rote Zahlen, die laufend aktualisiert werden, z. B. zu  Rüstungsausgaben, Kriegstoten, unterernährten Kindern oder dem Wachstum der Sahara.

 

Weniger „ernste“ Themen  wie die Zahlen zu den verzehrten Schnitzeln in Wien, Verliebten in Wien oder zu entlehnten Büchern haben nur scheinbar nichts mit den Zahlen der zuvor erwähnten Problemfelder zu tun.

Kreuzweg neben McDonald’s

Sr. Ruth Pucher, Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin, traf sich am Karfreitag mit einer (heuer kleineren) Gruppe, um anhand der Stationen von Ken Lum „zwischen McDonald‘s und Starbucks“ dem Leiden und Sterben Jesu zu gedenken.

 

„Überall da, wo Ungerechtigkeit herrscht, Leben unterdrückt wird, Menschen ausgegrenzt werden, leiden und sterben – da ist er mitten drin, ist es Jesus, der leidet und stirbt“, sagt die Missionarin Christi.

 

Eine Form der Liebe sei es, dem Leid nicht auszuweichen. „So wie die Frauen um Jesus ihm treu geblieben sind bis unters Kreuz, so wollen auch wir in dieser Stunde unsere Welt aushalten, so wie sie ist.“


Sr. Ruth hat zu jeder der Stationen von Ken Lum einen Text verfasst,  der die Entwicklungen und Menschenschicksale hinter den Zahlen konkret werden lässt.

 

„Es war eine sehr ernste Stunde. Am Ende haben wir einander frohe Ostern gewünscht – voll Vertrauen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern neues Leben erwachsen kann, wo es niemand vermutet“, resümiert die Ordensfrau.  

 

Wer die Passage abgehe, die Texte höre, ahne die globalen Zusammenhänge z. B. zwischen Schnitzeln, Verwüstung, Rüstungsausgaben und unterernährten Kindern.

 

„Das Besondere an dieser Passage ist auch, dass sie absolut ohne Werbung auskommt. Polierter Marmor und Spiegelglas helfen, sich zu konzentrieren, sich nicht ablenken zu lassen“, sagt Ruth Pucher.


Ken Lum stellt an den Anfang der Installation eine Zufallszahl. In der Mitte der Passage schauen die Betrachter auf die Kreiszahl Pi.

 

„Beide Zahlen konfrontieren uns mit der Unendlichkeit: unendliche Möglichkeiten für diese eine Zahl, unendliche Stellen nach dem Komma. 

 

Spätestens in der Todesstunde stehen wir alle der Unendlichkeit Gottes gegenüber“, interpretiert Pucher das Kunstprojekt, das neben realen Zahlen auch Fragen der Transzendenz aufwirft.


Sr. Ruth Pucher wirkt als Ordensfrau, Kunstvermittlerin in Kirchen und Museen sowie als Bibliodramaleiterin. Aktuelle Termine unter: www.ordentlich.at