Papst Franziskus hat harte Kritik an einem ausbeuterischen Kapitalismus ohne ethische Regeln geübt. Die Wirtschaft werde heute von einem Profitstreben um jeden Preis auf Kosten der Arbeitenden beherrscht, sagte er am Mittwoch, 17. Februar 2016 bei einem Treffen mit Arbeitern und Unternehmern in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez. Beschäftigte dürften nicht Kapitalinteressen untergeordnet und wie Wegwerf-Objekte ausgebeutet werden, so der Papst. "Gott wird von den Sklavenhaltern unserer Tage Rechenschaft fordern, und wir müssen alles uns Mögliche tun, damit diese Situationen nicht weiter vorkommen."
Ciudad Juarez ist eines der wichtigsten industriellen Zentren Mexikos an der Grenze zu den USA. Rund 250.000 Arbeitnehmer stellen hier in mehr als 300 sogenannten "Maquiladoras" (Fabriken) zu preiswerten Löhnen und oft ohne Arbeitnehmerrechte halbfertige Zulieferprodukte für den nordamerikanischen Markt her. Offenbar auch mit Blick auf die überlangen Arbeitszeiten appellierte Franziskus, Eltern müssten die Zeit haben, um mit ihren Kindern zu spielen.
In seiner mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede kritisierte der Papst eine Welt des immer größeren Konkurrenzkampfes, die "schließlich das Schicksal von Völkern bestimmt. Der Profit und das Kapital sind nicht Güter, die über dem Menschen stehen; sie dienen vielmehr dem Gemeinwohl." Arbeitgeber müssten begreifen, dass sie am besten in die Menschen und ihre Familien investierten. "Die beste Investition ist die, Chancen zu eröffnen."
Franziskus verteidigte mit Nachdruck die katholische Soziallehre. Sie fordere nicht, dass Wirtschaftsunternehmen zu Wohltätigkeitseinrichtungen werden. "Die einzige Forderung, die die Soziallehre der Kirche stellt, ist die, die Integrität der Personen und der Sozialstrukturen zu beachten." Wo die Wirtschaft die Würde des Menschen auf ein Konsumgut reduziere, "wird die Soziallehre der Kirche eine prophetische Stimme sein, die uns allen hilft, sich nicht im verführerischen Meer des Ehrgeizes zu verlieren". Franziskus warb für einen Dialog zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Sinne des Gemeinwohls. Von gemeinsam erreichter sozialer Gerechtigkeit profitiere die ganze Gesellschaft.
Als eine Geißel des herrschenden Wirtschaftssystems prangerte Franziskus die hohe Jugendarbeitslosigkeit an, die in einigen Regionen Mexikos bei über 50 Prozent liegt. Die daraus resultierende Armut und Perspektivlosigkeit bezeichnete er als Nährboden, um in die Spirale von Rauschgifthandel und Gewaltkriminalität zu geraten. Jugendliche bräuchten eine gute Ausbildung und einträgliche Arbeit, um ihr Leben planen zu können. Nötig sei eine Arbeitskultur, die jedem Menschen einen würdigen Lebensraum eröffne.
"Was will Mexiko seinen Kindern hinterlassen?", so Franziskus. "Will es ihnen eine Erinnerung an die Ausbeutung, an nicht ausreichende Löhne, an Mobbing am Arbeitsplatz hinterlassen? Oder will es ihnen eine Kultur der Pflege einer würdigen Arbeit, eines anständigen Heims und eines Stück Landes zum Bearbeiten hinterlassen?" Mexiko dürfe nicht in einer von Korruption, Gewalt und Unsicherheit vergifteten Atmosphäre seine Zukunft verlieren.
An die Mexikaner appellierte der Papst, eine gerechte und lebenswerte Gesellschaft aufzubauen. "Nicht ein Mexiko, wo es Menschen erster, zweiter oder vierter Klasse gibt, sondern ein Mexiko, das im anderen die Würde des Kindes Gottes zu erkennen weiß."
Am Abend endete der Aufenthalt des Papstes in Mexiko. "Ich habe mich gut empfangen und aufgenommen gefühlt von der Zuneigung und Hoffnung dieser großen mexikanischen Familie. Danke, dass ihr mir die Türen eures Lebens geöffnet habt!", so die Abschiedsworte des Papstes, die auch über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet wurden.