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18.06.2015

Enzyklika-Mitautor betont "totale Wissenschaftskonformität"

Führender deutscher Klimaforscher Schellnhuber, der sich selbst als Agnostiker bezeichnet: "Laudato si" gibt "enormen Rückenwind" für weltweite Bewegung gegen den Klimawandel.

Klimawandel, Umweltverschmutzung und weltweite Armut hängen nach den Worten des deutschen Wissenschaftlers Hans Joachim Schellnhuber eng zusammen und müssen gleichzeitig bekämpft werden. Dies mache die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus eindrucksvoll deutlich, sagte der Klimaforscher bei der offiziellen Vorstellung des Lehrschreibens am Donnerstag, 18. Juni 2015 im Vatikan.

 

Ungleichgewicht beim Ressourcenverbrauch

Der Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung prangerte in seinem Vortrag das starke Ungleichgewicht zwischen armen und reichen Ländern beim Ressourcenverbrauch an. Zwar verbrauchten der Westen und die Industriestaaten Ostasiens die meiste fossile Energie, von der dadurch ausgelösten Klimaerwärmung seien dagegen vor allem die armen Gesellschaften des Südens betroffen. "Anders als von manchen behauptet, ist es nicht die Masse der Armen, die den Planeten zerstört, sondern der Konsum der Reichen." Besonders drastisch zeige sich das Ungleichgewicht bei der Vermögensverteilung. "Die 60 reichsten Menschen der Welt besitzen genauso viel wie die 3,5 Milliarden ärmsten", kritisierte er.

 

Schellnhuber warnte außerdem vor einer Verharmlosung des Klimawandels. Zwar sei es richtig, dass sich das Klima in der Erdgeschichte immer wieder verändert habe. "Aber was jetzt gerade passiert, ist etwas anderes."

 

Zwei-Grad-Limit

Eine Durchschnittserwärmung um zwei Grad werde schwere Konsequenzen für den ganzen Planeten haben. Der Wissenschaftler verglich die Situation mit dem menschlichen Körper. "Bei zwei Grad mehr haben sie Fieber, bei fünf Grad mehr sind sie schon tot", so der Klimaforscher, den Franziskus am Mittwoch in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen hatte. Schellnhuber setzt sich für ein Zwei-Grad-Limit ein, wissend, dass auch das de facto nur mehr mit höchster Anstrengung zu schaffen ist.

 

Der führende deutsche Klimaforscher, der sich selbst als Agnostiker bezeichnet, wies bei der Enzyklika-Vorstellung im Vatikan auf die "totale Wissenschaftskonformität" des neuen Dokuments hin. Der Aufruf von Franziskus, gegen den Klimawandel zu kämpfen, spiegle die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema wider. Der Wissenschaftler war vom Vatikan am Vortag in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften (PAS) aufgenommen worden. Er musste sich zuvor auch gegen innervatikanische Kritiker der Klimawandel-Diskussion durchsetzen.

 

Im Vorfeld der Präsentation hatte Schellnhuber an einer Reihe von Workshops der PAS teilgenommen. Wie kaum ein zweiter war Schellnhuber von Anfang an am Zustandekommen der Enzyklika beteiligt. Alle vier entscheidenden Treffen hat er mitgestaltet, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Donnerstag berichtete. Für den Wissenschaftler ist die Veröffentlichung der Papst-Schrift ein historisches Ereignis: "G7-Gipfel gibt es jedes Jahr, eine Umweltenzyklika hat nun nach fast zweitausend Jahren römischer Kirche Premiere."

 

Der Physiker erwartet von der Enzyklika "Laudato si" einen "enormen Rückenwind" für eine weltweite Bewegung gegen den Klimawandel. Auch die Religionen sollen in das mühsame Ringen um Klimaschutz und Entwicklung eingebunden werden. "Es war ein hartes Stück Arbeit, die Erkenntnisse der Wissenschaft so aufzubereiten, dass im Vatikan das Klimaproblem jetzt so sehr viel besser verstanden wird", räumte er im Gespräch mit der "FAZ" ein. Denn einige Kräfte im Vatikan hätten versucht, die "alte klima-skeptische Haltung zu bewahren und in die Enzyklika einzubauen". Doch der Papst habe eindeutig "den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel anerkannt".