So dränge der Papst in "Laudato si" nicht nur auf eine neue, strikt am Gemeinwohl orientierte Politik, er unterstreiche auch die Notwendigkeit, einen neuen, nachhaltigen und bewussten Lebensstil zu etablieren. Dieser Appell richte sich nicht nur an die großen Industrienationen und Schwellenländer, sondern genauso auch an Österreich, zeigte sich die Wiener Sozialethikerin Ingeborg Gabriel im Gespräch mit "Kathpress" überzeugt.
Eine solche "kulturelle Revolution" sei indes nur im Dialog zwischen Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und den Religionen möglich - insofern könne "Laudato si" auch als ein "Brückendokument" bezeichnet werden, da es alle gesellschaftlichen Kräfte und wissenschaftlichen Disziplinen zum Dialog über Fragen des Gemeinwohls und der Nachhaltigkeit auffordere. Eine solche "Wertschätzung der Zivilgesellschaft" und auch säkularer Ethiken sei "nicht selbstverständlich in päpstlichen Dokumenten", so die Sozialethikerin. Indem Papst Franziskus "individualethische Aspekte" mit Fragen der "Institutionen-Ethik" mischt und auf dem "Primat der Politik vor der Wirtschaft" beharrt, könne "Laudato si" insofern auch als Prolog für die kommende UN-Klimakonferenz in Paris (30. November bis 11. Dezember 2015) betrachtet werden.
In ihrer konzeptionellen Weite und zugleich in ihrem drängenden Charakter sehe sie "Laudato si" auf einer Ebene mit der wegweisenden Friedens-Enzyklika "Pacem in terris" (1963) von Papst Johannes XXIII., so Gabriel. Sei damals die nukleare Bedrohung im Fokus gestanden, so dränge heute die ökologische Krise zum Handeln. Dabei vermeide Franziskus geschickt jede Form von "Alarmismus" oder "katastrophischen Verkürzungen". So sei mit "Laudato si" ein "sehr ausgewogenes Dokument" mit einer "gelungenen Mischung aus Hintergrundreflexion, spirituellen Aspekten und zugleich klaren Detailurteilen" entstanden.
Herausragend sei laut Gabriel dabei die das gesamte Dokument durchziehende Verknüpfung der ökologischen mit der sozialen Frage. Die ökologische Krise schaffe zugleich ein Armuts- und Gerechtigkeitsproblem, das die gegenwärtige Generation genauso betreffe wie die kommenden Generationen, so Gabriel. Dies habe der Papst erkannt und mit einer - "in päpstlichen Dokumenten in dieser Form wohl einmaligen" - kritischen Analyse des Begriffs des technischen Fortschritts verknüpft.