Sonntag 14. Juni 2026

Schnellsuche auf der Website

21.07.2014

Libanon: Christliche Syrien-Flüchtlinge ohne Perspektive

Mord, Entführung und Vertreibung. Das Schicksal tausender und abertausender syrischer Christen.

Caritaspräsident Michael Landau und österreichische Journalisten treffen in der Caritas-Zentrale von Rayfoun im Libanon mit christlichen Syrien-Flüchtlingen zusammen, um sich ein Bild von deren Situation zu machen. Alle Flüchtlinge haben Angst, niemand will sich fotografieren lassen. Ihre Namen sind gefälscht; aber ihre Geschichten sind nur allzu wahr.

 

Paul: Christen sind zwischen allen Fronten

Paul hatte eine gute Stelle als Arzt in einem Spital im Christenviertel in Damaskus gefunden. Dann kam der Krieg und der 30-jährige syrische Christ war plötzlich zwischen allen Fronten. Das Stadtviertel wurde zum Kampfgebiet zwischen Regierung und Rebellen. An einem Tag seien die Regierungstruppen gekommen und hätten ihre Verletzten ins Spital gebracht. Am nächsten Tag seien die Rebellen vor der Tür gestanden und hätten ihre Leute gebracht, erzählt Paul. Beide Seiten beschuldigten die Ärzte, Verräter zu sein. Paul wurde mit dem Tod bedroht. Dreimal konnte er nur knapp einer Entführung entgehen, indem er durch die Hintertür aus dem Spital rannte. Schließlich blieb ihm nur noch die Flucht. Jetzt lebt er als Flüchtling im Libanon, in einer kleinen Stadt nahe Beirut. 600 Dollar muss er pro Monat für das kleine Zimmer bezahlen, dass er bewohnt. Als Krankenpfleger verdient er aber nur 400 Dollar.

 

Maria: 50.000 Dollar Lösegeld für den Vater

Maria ist 24 und stammt aus Aleppo im Norden Syriens. Die Stadt wurde bei Kämpfen dem Erdboden gleichgemacht. Ein Scharfschütze erschoss ihren Onkel, der Vater wurde von Islamisten entführt. Die Entführer hätten ein Video ins Internet gestellt, auf dem sie den Vater folterten, erzählt die junge Frau. 50.000 Dollar musste die Familie bezahlen, um den Vater frei zu bringen. Der war aber so schwer verletzt, dass er eine Woche nach der Befreiung starb. Maria flüchtet erst nach Damaskus und dann schließlich in den Libanon. Dem Tod entronnen, aber ohne Perspektive für ihr Leben.

 

Fathi und Daniela: Eineinhalb Jahre durchgehalten

Fathi und Daniela stammen ebenfalls aus Aleppo. Ihr Haus, in dem das Ehepaar mit den beiden Kindern lebte, lag in jenem Stadtteil, der von Rebellen besetzt und von Regierungstruppen beschossen wurde. Bald lag alles in Trümmern. Trotzdem hielt die Familie eineinhalb Jahre durch. Vor allem die christlichen Familien seien von allen Seiten drangsaliert worden, sagt Fathi. Als der Nachbar entführt wurde, beschloss die Familie zu fliehen. 20 Stunden hätten sie für die Fahrt von 250 Kilometern gebraucht. 17 Mal hätten sie bei militärischen Checkpoints von Regierung und Rebellen um ihr Leben gezittert, erzählt Fathi. Die vierköpfige Familie bewohnt jetzt in Beirut ein kleines Zimmer um 500 Dollar pro Monat. Zumindest können die beiden Kinder in die Schule gehen. Der Vater verdient das Schulgeld mit Hausmeisterarbeiten in der Schule.

 

Fabiola: Immer wieder Todesangst

Fabiola kommt aus Homs. Die Stadt war fast zwei Jahre zwischen Rebellen und Regierungstruppen umkämpft. Immer wieder habe sie sich unter Todesangst mit ihrem einjährigen Sohn in ihrem Haus vor marodierenden Kämpfern verstecken müssen, erzählt sie. In einer Kampfpause konnte sie ihr Mann schließlich herausholen und sie flüchteten in den nahen Libanon.

 

Christen zwischen allen Rädern

Paul und Maria, Fathi, Daniela, Fabiola und ihre Familien. - Das sind nur einige von Tausenden und Abertausenden Schicksalen von syrischen Christen, die im Syrien-Krieg zwischen alle Räder gekommen sind.

 

Ursprünglich waren rund zehn Prozent der gut 20 Millionen Einwohner Syriens Christen. Wie viele jetzt noch im Land leben, wie viele umgekommen sind und wie viele flüchten konnten, weiß niemand. Viele Christen im Libanon wollen sich nicht offiziell als Flüchtlinge registrieren lassen, weil sie Angst haben, dass ihre Namen entweder der syrischen Regierung oder den Rebellen bekanntgegeben werden.

 

Wie viele christliche Flüchtlinge?

"Niemand weiß, wie viele christliche Flüchtlinge es im Land gibt", sagt der libanesische Caritasdirektor Paul Karam. Die Caritas versucht den Menschen trotz allem so gut es geht zu helfen. Etwa bei den Mieten, denn die christlichen Flüchtlinge leben nicht in Zeltlagern. Sie versuche in den Städten unterzukommen. Viele bräuchten zuerst auch Nahrungsmittel oder Hygieneartikel. Die Caritas Libanon wird bei ihren Hilfsmaßnahmen massiv von der Caritas Österreich unterstützt.

 

Die Christen in Syrien waren gut ausgebildet und hatten oft auch gute Jobs. "Jetzt gibt es für uns dort keine Zukunft mehr", sagt Fathi. Und alle anderen, die sich in der Caritas-Zentrale von Rayfoun versammelt haben, stimmen ihm zu.

 

Mieten im Libanon um 400 Prozent gestiegen

Für einfache Zimmer in den libanesischen Städten müssen die Menschen zwischen 500 und 600 Dollar pro Monat bezahlen. Die Mieten sind im Libanon durch den Flüchtlingsstrom um 400 Prozent gestiegen. Dazu kommen allgemeine Lebenshaltungskosten, die rund fünf Mal so hoch sind wie in Syrien. Die meisten Neuankömmlinge haben nicht mehr bei sich als die Kleider am Leib. Und wenn die Flüchtlinge doch etwas Geld gespart haben, ist das nach wenigen Monaten aufgebraucht.

 

"Wir haben keine Perspektiven", sagt Maria. Nicht in Syrien und auch nicht im Libanon. Ihre syrischen Ausbildungen würden im Libanon nicht anerkannt, die Flüchtlinge müssten weitaus geringer qualifizierte Arbeiten annehmen, wenn sie überhaupt Arbeit bekommen. Der Arbeitsmarkt im Land ist durch den Flüchtlingsstrom völlig zusammengebrochen.

 

Warum helft Ihr uns nicht?

Am Westen lässt niemand der Flüchtlinge in der Caritas-Zentrale ein gutes Haar. "Warum helft Ihr denen, die uns umbringen", sagt eine alte Frau, die weder Namen noch Herkunft nennen will. Und sie meint damit die Waffenlieferungen an alle möglichen Konfliktparteien in Syrien. Und niemand im Raum kann verstehen, warum die westlichen Ländern den Christen nicht einfach Asyl gewähren wollen.