Dienstag 19. Mai 2026

Schnellsuche auf der Website

02.07.2014

Freier Zugang

Über das erste von fünf Kennzeichen des gemeinsamen Priestertums aller Getauften: der freie Zugang zu Gott.

Dem Geschenk des Glaubens und der Taufe verdanken wir, in der Gemeinschaft mit Jesus, unser aller Priestertum. Es bezeugt sich – dieses Merkmal sei als erstes gewählt – in unserem freien Zugang zu Gott: in unserem Beten und im Ganzen unseres Lebens.


Sich Gott in besonderer Weise nahen zu dürfen, war immer schon in verschiedenen Kulturen – und so auch im Umfeld des frühen Christentums – ein Kennzeichen und Vorrecht von Priestern oder Priesterinnen. Bis heute wird der Priester verbreitet als der verstanden, der sich ‚mit Gott besser auskennt‘ und dessen Gebet durchschlagender ist, weil er über einen besonderen Zugang zum Göttlichen verfügt. Diese priesterliche Kompetenz kommt jedoch, christlich recht verstanden, uns Getauften allen gleichermaßen zu.


Schüler Gottes sein

Beim Tod Jesu, auf der Schädelhöhe außerhalb der Stadt, „riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei“ (Mt 27,51). Jesus ist als Sohn durch seine Lebenshingabe ins Heiligtum, „hinter den Vorhang“ gelangt, in die unmittelbare Nähe Gottes also, ohne jede Schranke, „vor das Angesicht Gottes“; und er hat alle, die an ihn glauben, dorthin mitgenommen. „Denn das wird der Bund sein … Keiner wird mehr den anderen belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn!, sondern sie alle, Groß und Klein werden mich erkennen – Spruch des Herrn“ (Jer 31,33f; vgl. Hebr 8,10f; Lumen gentium 9). Ebenso Jesus, Jes 54,13 aufgreifend: „Und alle werden Schüler Gottes sein“. (Joh 6,45). Er schenkt uns den „freien Zugang zum Vater“ (Eph 2,17; 3,12). Er schenkt uns, in der Freiheit seines eigenen Betens zu Gott zu beten: „Vater unser“, „Abba“, lieber Vater; unmittelbar, ohne Instanzenweg, in der „Freiheit der Kinder Gottes“, als Töchter und Söhne, als Schwestern und Brüder mit ihm im Haus des Vaters.


Gegen Behördlichkeit

Die Botschaft vom freien Zugang hat Zugang und Wohnungen für alle. Sie sprengt unsere oft engen zwischenmenschlichen Erfahrungen. Sie lebt im Blick auf Jesus. Sie lebt, wo wir Christen Güte glaubhaft leben und zugänglich sind und Leben ermöglichen. Sie lebt im Gegenstrom zu Hass und Gleichgültigkeit, zu gesellschaftlicher Ausgrenzung und Abschottung, zu Behördlichkeit und zu den oft hohen Schwellen derer, die Macht und Sagen haben. Im Gegenstrom auch zu manchen hohen Schwellen zur und in der Kirche.
„Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er uns gleichsam entgegen.“  Denn er ist und bleibt der „Brunnenpunkt“ unseres Lebens und „will Begegnung feiern“ (A. Delp).


Auch wo Menschen sich mit der Kirche schwer tun, auch dort, wo sie zu vielen Bereichen kirchlichen  Lebens auf Distanz gegangen sind, begleitet Gott sie und hört sie, ist ihnen unmittelbar und liebevoll nahe und lässt sich finden.     
 

 P. Elmar Mitterstieler SJ


P. Dr. Elmar Mitterstieler SJ, Autor des Buches „Das wunderbare Licht, in dem wir leben. Gleichheit, Würde und Priestertum aller in der Kirche“.