Mittwoch 10. Juni 2026

Schnellsuche auf der Website

EOS-Verlag
16.02.2014

Stolz und nicht Wollust

In einer Geschichte des Lasters zeigt Kardinal Ravasi die Verführungskraft der Sünde. Und er bringt auch die „Heilmittel".

Nicht die vielbeschriebene und vielgemalte Wollust, mit deren Vermeidung und Nicht-Bewältigung die Christen so gerne und so schnell in Verbindung gebracht werden, sondern der Stolz ist die Leitfigur in einem packenden Buch über die sieben Todsünden, das Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für Kultur, unter dem Ttel „Sünde. Versuche vom verfehlten Leben“ vorlegt.


Die sieben Todsünden

Der vielbelesene Kardinal behandelt die Todsünden in folgender Reihenfolge: Stolz, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit. Und macht dabei auf eine wichtige Unterscheidung aufmerksam. Nicht jede Leidenschaft wird gleich zur Todsünde: So kann die Empörung eine Tugend sein, „wenn sie sich leidenschaftlich zur Verteidigung der verletzten Gerechtigkeit einsetzt“. Wenn sie aber „als irrationaler, unkontrollierbarer Sturm losbricht, wird sie eine Sünde, wird sie Zorn“: das vierte Hauptlaster.


Die Tugend ist das Gegenteil des Lasters, da sie „in der Übereinstimmung mit den Normen oder in der Herrschaft des persönlichen Gewissens und der Vernunft über innere oder äußere Antriebe besteht“.


Ravasi hat sich schon zuvor im Essay „Rückkehr zu den Tugenden“ mit den „tugendhaften Sieben“ – mit Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Besonnenheit – beschäftigt. Ihm gelingt es im Buch über die „Todsünden“, unter Berücksichtigung der alt- und neutestamentlichen Aussagen, mit Hilfe von Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“, der Morallehre des Papstes Gregor des Großen und unter Berufung auf Thomas von Aquin ein buntes Panoptikum der Todsünden zu zeichnen. Dazu zählen auch Verweise auf Philosophie, bildende Kunst und Literatur bis hin zum Theater und Kino.


Die Laster entstehen im Inneren der freien, bewussten Person durch einen Akt, der in der Sprache der Moral als Sünde, Verstoß, Straftat usw. definiert wird. Ravasi: „Um zum Laster zu werden, muss dieser Akt sich freilich in eine beständig übernommene, beibehaltene Gewohnheit verwandeln.“ Wie es im deutschen Sprachgebrauch schon heißt: Aus dem „Laster“ kann man das Zeitwort „lasten“ heraushören, wodurch das „Laster“ zur „Last“ wird. Das deutsche Wort „Laster“ enthält aber auch das Zeitwort „lästern“, das „Lasterhafte“ ist immer auch das „Lästerliche“.


Last der Gewohnheit

„Das Laster ist nicht die bloß zufällige Wiederholung der Einzelsünde, es ist die Neigung, die Sünde systematisch zu begehen“, schreibt Ravasi. Sünde ist ein einzelner Akt des Bösen mit je eigenen Merkmalen, das Laster ist „eine erworbene Gewohnheit, eine fest geschliffene Grundhaltung“. Daher wäre es zielführender, von den sieben tödlichen Lastern zu reden. Das Laster als theologischer Begriff gründet „in den Leidenschaften und zeitigt als Früchte eine Reihe von ethisch übermäßigen, bösen Handlungen, die regelmäßig und fortwährend begangen werden und ein festes Verhaltensmuster ausprägen“.


Sogenannte Lasterkataloge finden sich in der Bibel, bei geistlichen Schriftstellern und Theologen wie Evagrius Ponticus oder Johannes Cassian.


Auch Konrad Lorenz sprach von den „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“. Und der Philosoph Umberto Galimberti merkt an, „dass die Kirche vor dem Anprangern der neuen gesellschaftlichen Laster (Steuerhinterziehung, Fahrlässigkeit in der Arbeit, Glücksspiel, Drogenhandel, Manipulation der öffentlichen Meinung) eine Theologie der Liebe erarbeiten und vorlegen muss, um sie auf die neuartigen und die alten Tatbestände anzuwenden“.
Das Ravasi-Buch zeigt Wege zu dieser Theologie der Liebe, mit deren Hilfe die Todsünden im Alltag überwunden werden können.