Sonntag 5. Juli 2026

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Papst trifft ökumenischen Patriarchen

Historische Begegnung in der Grabeskirche wie vor 50 Jahren.

Jeder betritt den Platz vor der Grabes- und Auferstehungskirche durch einen anderen Zugang; dann treffen sie sich in der Mitte des Platzes, umarmen sich, die Glocken läuten. Petrus umarmt seinen Bruder Andreas.

 

Zum ersten Mal wird der Status Quo, der das komplizierte Miteinander der Christen am Ort von Tod und Auferstehung ihres Herrn regelt, durchbrochen: Zum ersten Mal beten die Christen hier nicht nur neben- oder gar gegeneinander, sondern zusammen. Dass das auch organisatorisch schon eine Herausforderung ist, darauf deutet vielleicht die etwa einstündige Verspätung, mit der die Feier beginnt, bei Anbruch der Dunkelheit. Außer katholischen Bischöfen sind auch der koptische, der syrisch-orthodoxe und der äthiopische Erzbischof anwesend, dazu der anglikanische sowie der lutherische Bischof von Jerusalem. Im Innern des Komplexes beobachten die Generalkonsuln der fünf Mächte das Geschehen, die den Status Quo garantieren: Frankreich, Belgien, Spanien, Italien, Griechenland. Sowie einige weitere Konsuln des sogenannten „Corpus separatum“ von Jerusalem: aus Schweden, den USA, der Türkei und Großbritannien. Wie gesagt, die Lage hier ist kompliziert.

 

Die drei Verantwortlichen der Kirche begrüßen den Papst und den Patriarchen; es sind ein orthodoxer Grieche, ein Armenier und ein Franziskaner. Gemeinsam verehren die zwei Kirchenführer aus Rom und Istanbul dann den Salbungsstein am Eingang der Grabeskirche, wo nach der Tradition der Leichnam Jesu nach der Abnahme vom Kreuz für die Grablegung vorbereitet wurde, er stellt auch die 13. Kreuzwegstation dar. Beide nehmen dazu ihre Kopfbedeckung ab. Ein griechischer Chor singt, als Franziskus und Bartholomaios schließlich den sogenannten Chor der Franziskaner erreichen, der dem Heiligen Grab gleich gegenüberliegt. Das Evangelium von der Auferstehung wird vorgetragen, auf Griechisch und Lateinisch: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er es gesagt hatte“, heißt es im 28. Kapitel bei Matthäus.

 

„Umarmung der Liebe“

Das Grab Christi lädt uns ein, alle Ängste fahren zu lassen und mit Gottes Überraschungen zu rechnen – das sagt Patriarch Bartholomaios in seiner Predigt. Auch Papst Paul VI. und der Ökumenische Patriarch Athenagoras I. hätten vor fünfzig Jahren bei ihrer historischen Begegnung in Jerusalem alle Angst beiseitegeschoben, „die ein Jahrtausend lang beide alte Kirchen, die des Westens und die des Ostens, auf Distanz zueinander gehalten hatte“. Sie, die Nachfolger dieser beiden „großen Kirchenführer“, seien heute hier, um die historische „Umarmung der Liebe“ von damals zu wiederholen und beide Kirchen „auf dem Weg der Liebe, der Versöhnung, des echten Friedens und der Treue zur Wahrheit“ voranzubringen.

 

„Das ist der Weg, den alle Christen gehen sollten, ganz gleich zu welcher Kirche oder Konfession sie gehören! Dadurch geben sie der ganzen Welt ein Beispiel. Die Straße kann lang und schwierig sein, ja sogar manchmal wie eine Sackgasse erscheinen. Aber sie ist der einzige Weg, um den Willen des Herrn zu erfüllen, dass alle eins seien.“

 

Papst Franziskus, der an diesem Sonntag schon ein Non-Stop-Programm hinter sich hat, antwortet dem Patriarchen mit einer langen Predigt, die fast genauso anfängt wie am Morgen die Predigt bei der Messe in Betlehem: was für eine „außerordentliche Gnade“ es doch sei, heute hier zu sein. Er zitiert das Apostolische Glaubensbekenntnis mit seinen Sätzen zur Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, nennt alle Christen „geistig auferstanden aus diesem Grab“ und meint dann:

 

„Nehmen wir die besondere Gnade dieses Augenblicks an. Verweilen wir in ehrfürchtiger Sammlung am leeren Grab, um die Größe unserer christlichen Berufung wiederzuentdecken: Wir sind Männer und Frauen der Auferstehung, nicht des Todes. Lernen wir von diesem Ort, unser Leben, die Sorgen unserer Kirchen und der ganzen Welt im Licht des Ostermorgens zu leben... Lassen wir uns die Grundlage unserer Hoffnung nicht nehmen! Enthalten wir der Welt die frohe Botschaft der Auferstehung nicht vor! Und seien wir nicht taub gegenüber dem mächtigen Aufruf zur Einheit, der gerade von diesem Ort aus ertönt...“

 

Einladung zum Dialog über Petrusamt

Natürlich, die Spaltungen unter den Christen seien nicht zu leugnen, aber auch nicht die „Schritte auf die Einheit hin“, die in den letzten fünfzig Jahren gelungen seien. Sicher, der Weg zur vollen eucharistischen Tischgemeinschaft sei noch lang, „doch die Unstimmigkeiten dürfen uns nicht erschrecken und unser Vorangehen nicht lähmen“, so der Papst.

 

„Wir müssen glauben, dass ebenso, wie der Stein vom Grab weggewälzt worden ist, auch alle Hindernisse ausgeräumt werden können, die der vollen Gemeinschaft zwischen uns noch im Weg stehen. Es wird eine Auferstehungsgnade sein, die wir schon heute vorauskosten können. Jedes Mal, wenn wir einander um Vergebung bitten für die gegen andere Christen begangenen Sünden, und jedes Mal, wenn wir den Mut haben, diese Vergebung zu gewähren und zu empfangen, machen wir eine Erfahrung der Auferstehung! Jedes Mal, wenn wir nach der Überwindung alter Vorurteile den Mut haben, neue brüderliche Beziehungen zu fördern, bekennen wir, dass Christus wahrhaft auferstanden ist.“

 

Und Franziskus lädt, wie schon sein Vorgänger St. Johannes Paul II. in den neunziger Jahren, die christlichen Brüder zu einem „Dialog“ ein, wie der „Dienst des Bischofs von Rom“ so ausgeübt werden könnte, dass er nicht länger einen ökumenischen Stolperstein darstellt.

 

Gemeinsam beten Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios einen Moment im Heiligen Grab und auf dem Golgotha-Felsen, da wo einst das Kreuz Jesu stand. Sie segnen die Teilnehmer an dieser historischen Stunde, dann fahren sie – im selben Auto – zum Lateinischen Patriarchat. Dort endet dieser denkwürdige Abend mit einem gemeinsamen Abendessen.

 

Brüderliche Herzlichkeit

„„Bruder Andreas“ - die erste offizielle Begegnung zwischen Patriarch Bartholomaios I. und dem damals ganz frisch gewählten Papst Franziskus brach gleich jede Menge Eis. „Bruder Andreas“ – die Nachfolger der Apostelbrüder Petrus und Andreas begegnen sich auf Augenhöhe. Kein protokollarisches Gerangel um wer –spricht-zuerst, einfach nur „Bruder Andreas“, so schätzt der Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan die Situation ein.

 

Und weiter meint P. Hagenkord: „Was damals beim Empfang für die Kirchenvertreter der nichtkatholischen Kirchen wenige Tage nach Ende des Konklaves gesagt wurde, färbt seitdem die Atmosphäre zwischen der griechisch-orthodoxen Kirche Konstantinopels und dem Heiligen Stuhl. Nicht alle machen mit, der hiesige griechisch-orthodoxe Patriarch, Theolophilos III., ist deutlich skeptischer und hat das auch in einem Interview vor der Reise noch einmal deutlich machen müssen.

 

Natürlich wird auch hier in Jerusalem wieder gerangelt, der ökumenische Gottesdienst, wie der Vatikan ihn nennt, ist für einige Orthodoxe nur ein Treffen, bei dem auch gebetet wird. Aber, aber: Das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier Ökumene passiert. Mal etwas ruckelig, mal dynamisch und freundschaftlich wie zwischen Franziskus und Bartholomaios. Und vergessen wir nicht: Noch vor 50 Jahren hatten sich beide Kirchen gegenseitig exkommuniziert. So lange ist das nicht her. Und heute sagt der Papst „Bruder Andreas.“

 

Es ist das Herzstück der Reise, und vielleicht gerade wegen all der Aufs und Abs besonders symbolträchtig. Vier Mal treffen sich Bartholomaios und Franziskus während dieser Reise. Andere Begegnungen werden nicht so herzlich sein, aber der Papst und der Patriarch machen vor, was passieren kann, wenn man aufeinander zugeht: Brüderlichkeit.“

 

Strenge Sicherheitsvorkehrungen

Als Paul VI. vor fünfzig Jahren in Jerusalem einzog, kam er zu Fuß im Gedränge kaum vorwärts. Bei Franziskus, dem vierten Papst der Neuzeit, der Jerusalem besucht, wird das am Sonntagabend ganz anders sein: Die Altstadt wird während seiner Visite zur Geisterstadt, hundert Meter breit wird der Sicherheitskordon um ihn herum, das bedeutet menschenleere Straßen. William Shomali ist der Lateinische Weihbischof von Jerusalem. Er sagt im Gespräch mit Radio Vatikan:

 

„Das stimmt, die Sicherheitsvorkehrungen hier sind extrem, ich würde sogar sagen übertrieben. Ich verstehe allerdings auch die israelischen Bedenken: Der Papst hat ja einen offenen, ungepanzerten Wagen gewünscht, das ist immer ein Risiko. Das Risiko könnte vor allem von den ultra-orthodoxen jüdischen Extremisten kommen, die dem Papst den Tod wünschen.“

 

Extrem-nationalreligiöse Juden sind gegen die Visite, sie fürchten vor allem Änderungen am Status des Gebäudes auf dem Zionsberg, in dem sich sowohl das angebliche Grab Davids als auch der angebliche Abendmahlssaal befinden. 15 jüdische Extremisten dürfen sich in den nächsten Tagen auf Anordnung der Polizei nur eingeschränkt bewegen. Beim normalen Israeli auf der Straße trifft der Papstbesuch dagegen auf Gleichgültigkeit. Elektrisiert sind dagegen die Christen, viele von ihnen wollen versuchen, Franziskus in Betlehem zu sehen.