Freitag 3. Juli 2026

Schnellsuche auf der Website

08.04.2014

Harri Stojka: „Mehr will ich nicht“

Einer der großen Jazzgitarristen, ein Rom über Musik, Vorurteile und den Glauben.

Rund 500.000 Roma und Sinti wurden in der NS-Zeit ermordet. Von den 200 Verwandten  Ihres Vaters haben nur fünf überlebt. Hat das Ihre Generation und Sie selbst geprägt?

Stojka: Natürlich. Ich habe immer von Persönlichkeiten gehört, die ich gerne kennengelernt hätte. Meinen Großvater zum Beispiel. Der ist bei der ersten Vergasungswelle ermordet worden. Oder meine Urgroßmutter Baranka, sie wurde auch vergast. Auf der Hellerwiese wurde ein Park nach ihr benannt. Die Cousins und Cousinen meines Papas sind alle ermordet worden. Da schleicht sich eine gewisse Traurigkeit ein. Weil man so viele Persönlichkeiten nicht kennenlernen durfte, von denen man vielleicht hätte lernen können.

 

Mitte März ist Ihr Vater, Johann Mongo Stojka, gestorben. Er war Musiker, Autor und eine bedeutende Persönlichkeit unter den Roma. Wie würden Sie sich wünschen, dass er in Erinnerung bleibt?

Stojka: Als das, was war: Für die Roma war er eine große Identifikationsfigur, einer, zu dem man aufschaut, den man um Ideen und um Rat fragt. So wird er in Erinnerung bleiben. Und durch seine Bücher hat er etwas für die Ewigkeit geschaffen. Wir werden ihn nie vergessen, das ist klar. 

 

Er hat ein schweres Leben gehabt, er war in den berüchtigsten Konzentrationslagern, in Auschwitz-Birkenau, Flossenbürg und Buchenwald. Er hat überlebt und seinen Lebenswillen, seinen Lebensmut nicht verloren. Im Gegenteil, er hat umso stärker das Leben gesucht. Er war ein Mensch mit Lebensfreude. Das hat er auf uns übertragen, und so wird er uns in Erinnerung bleiben.

 

Für Ihren Vater war der Glaube sehr wichtig - überlebenswichtig, wie er selbst meinte. Spielt der Glaube in Ihrem Leben auch eine Rolle?

Stojka: Mein Vater war ein sehr, sehr gläubiger Mensch. Er ist regelmäßig in die Kirche gegangen, hat den Katholizismus wirklich gelebt. Er hat gesagt, dass er ohne Gott, ohne Maria Muttergottes, die KZs nicht hätte überleben können, ohne den Glauben, ohne die Lebenskraft, die er aus dem Glauben geschöpft hat.

 

Ich muss ehrlich sagen, als ich jung war, in meiner Rockzeit, habe ich mich über den Glauben meines Papas lustig gemacht. Dass er zum Beispiel beichten gegangen ist. Aber wenn man älter wird, ändert sich alles. 

 

Ich weiß nicht, ob es einen Himmel oder eine Hölle gibt, ich weiß nur, dass man auf der Erde sehr viel aus dem Glauben lernen und sein Leben danach einrichten kann. Nach der Bibel zum Beispiel, wo Jesus Christus wahnsinnig gute Sachen sagt, die ja Ewigkeitswert haben, eine moralische Kategorie sind. So sehe ich den Glauben, und so richte ich mein Leben auch ein.

 

In vielen Ländern werden auch heute Roma diskriminiert und  verfolgt. Haben Sie persönlich negative Erfahrungen gemacht?

 

Stojka: In den 60er Jahren war es schlimm für uns in der Schule. Ich bin oft nach der Schule abgepasst und geschlagen worden, nur weil ich Rom bin. So bin ich aufgewachsen. Auch meine Schwestern haben sehr, sehr gelitten. 

 

Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich so an die Musik geklammert habe. Weil ich mir gesagt habe, das ist ein Weg, um etwas zu werden, aus der Masse hervorzustechen und dann vielleicht nicht mehr der „Zigeuner“ zu sein, sondern der Rom, der Musik macht und etwas erreicht hat. Das war eine sehr große Motivation für mich. Dass ich das geschafft habe, darauf bin ich sehr stolz. Mein Papa hat es auch geschafft. Wir waren immer stolz darauf, dass wir als Roma akzeptiert wurden, und dass in den 1970er Jahren diese Diskriminierung vorbei war. Und jetzt geht’s wieder los, in Ungarn und in Rumänien. Das ist eine Tragödie.

 

Über Roma gibt es unzählige Klischees, auch sogenannte positive, wie etwa das der Roma als hervorragende Musiker. Wie begegnen Sie solchen Bildern?

Stojka: Für mich sind positive Klischees genauso negativ wie negative. Ich möchte, dass wir als normale Menschen akzeptiert werden, die ihren Job machen, ihre Steuern bezahlen, die auch scheitern – wie jeder andere -, weil nicht immer alles glatt geht. So soll man uns akzeptieren. Mehr will ich nicht. 

 

Was bedeutet es für Sie, Rom zu sein?

Stojka: Wäre ich nie darauf angesprochen worden, wäre es mir egal. Aber wenn du immer unterdrückt wirst, oder immer darauf hingewiesen wirst, dass das, was du bist, etwas Schlechtes ist, dann entwickelst du einen gewissen Stolz. Das ist bei jedem unterdrückten Volk so, es entwickelt sich ein Stolz aus der Diskriminierung. Und das war bei mir genauso. Ich bin Stolz darauf, Rom zu sein.