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03.04.2014

Meine Schwestern

Leitartikel von Michael Prüller, Chefredakteur Der Sonntag, vom 30. März 2014.

Ein Video der Klosterschwester Cristina, die bei einer italienischen Talente-Show einen Pop-Song singt, ist derzeit der große Hit im Internet. 30 Millionen Menschen haben es schon angeschaut. Die junge Ursulinerin aus Mailand ist ein erfrischendes und für viele unerwartetes Erlebnis. 

           

Ich freue mich immer, wenn ich Klosterschwestern sehe, auch wenn sie nicht singen. Ich weiß  nicht genau warum, aber sie beeindrucken mich noch mehr als die Mönche oder die Weltpriester. Vielleicht, weil sie zwei Haltungen meiner Mutter, die mir tiefe Geborgenheit gegeben haben, zu ihrem Beruf, ja zum Inhalt ihrer ganzen Existenz gemacht haben: die Fürsorglichkeit und die betende Aufmerksamkeit für andere. Und dafür nehmen sie auch in Kauf, belächelt zu werden. 

           

Soeben haben die Frauenorden ihre Statistik veröffentlicht. Es gibt noch 3942 Ordensfrauen in Österreich, aber die Zahl nimmt rasch ab. Nur ein Viertel ist jünger als 65 Jahre. Früher war aber auch der Berufungshintergrund ganz anders: Der Gang ins Kloster war oft der einzige Weg zu einer Ausbildung oder zu einer materiellen Absicherung. Und die Ehelosigkeit war in einer Zeit, in der auch Dienstboten oft nicht heiraten durften, keine so große Abschreckung. 

           

Die im 19. Jahrhundert stark angestiegene Zahl der Ordensfrauen sinkt also nun wieder auf ihr vorher übliches Maß von 800 bis 1000 in Österreich. Eine Umstellung, aber kein Ende. Ich werde also auch noch als alter Mann Ordensfrauen begegnen – und mich geborgen fühlen. Danke!

 

Leitartikel vom 30. März 2014