"Wenn ein Glied leidet, leiden die anderen mit, wenn eines geehrt wird, freuen sich die anderen mit." (1 Kor 12, 26)
Caterina von Siena bekam im Gebet eine weitere Einsicht: Dass Entsetzen und Empörung nicht das Ziel sind. Vielmehr sollte durch die klarere Erkenntnis der Sünde und der tiefen Wunden, die sie schlägt, ihr Mitleid geweckt und ihr Gebet feuriger werden.
Zorn richtet sich gegen die Verletzung von Gerechtigkeit und Wahrheit. Zorn will Untaten wehren, Unrecht abstellen und dem Recht zum Recht verhelfen. Von Jesus selbst heißt es, dass er die Verstockten ansah mit einem Blick "voll Zorn und Trauer". (Mk 3, 4f.)
Allerdings sollte man wachsam genug sein, dass gerechter Zorn nicht unversehens zum selbstgerechten Zorn wird. In die Empörung mischen sich ja oft noch andere, weniger lautere Motive und Gefühle. Es kann zu einer versteckten Faszination durch negative Nachrichten kommen, die das Urteil trübt und auf Dauer das Herz vergiftet – man hat dann auch kein echtes Interesse mehr an den betroffenen Personen, weder an der Umkehr der Täter noch an der Heilung von Wunden bei den Opfern.
Bei den Wüstenvätern, den streng enthaltsam lebenden Mönchen der Alten Kirche, findet sich diese Gefahr selbstgerechten Eifers skizziert: "Einige sahen, wie ein anderer bis zu den Knien im Sumpf stand. Sie sagten: Wir wollen ihm heraushelfen – aber dabei stießen sie ihn bis zum Hals hinein."
Caterina betont in aller Deutlichkeit, dass Empörung ohne "heiliges Mitleid" nicht die Gesinnung Christi ist, der immer noch die Füße von uns Sündern wäscht. Dieses Mitleid liegt nicht auf der Ebene eines Gefühls – ähnlich wie die Verpflichtung zur Feindesliebe nicht "Sympathie" oder "Verständnis" gebietet.
Ihren Ausdruck findet diese Gesinnung im fürbittenden Gebet. Wir sind in der Kirche in einer Solidargemeinschaft; das heißt: Wir haben Anteil an der Heiligkeit eines Paulus, Maximilian Kolbe oder einer Mutter Teresa: Sie sind unsere Brüder bzw. unsere Schwestern.
Das heißt aber auch: Wir können nicht so tun, als gingen uns die Verfehlungen anderer gar nichts an. "Wenn ein Glied leidet, leiden die anderen mit, wenn eines geehrt wird, freuen sich die anderen mit." (1 Kor 12, 26) Vielleicht haben wir zu lange ein Wort Jesu nicht recht ernst genommen: Dass eine bestimmte Art von "unreinen Geistern nur durch Fasten und Gebet ausgetrieben" werden kann.
"Fasten" weist darauf hin, dass das geistliche Leben kein Spaziergang ist, sondern auch ein Kampf, zu dem man die Waffen kennen muss. "Gebet" heißt: Intensivierung der Beziehung zu Gott und letztes Vertrauen in ihn. Es gibt Dinge, deren werden wir selbst nicht Herr.
Reue ist Gnade; Vergeben-Können auch. Niemand kann es einfach aus sich selbst.
Darum fügt Franz von Assisi der Vater-unser-Bitte: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben ..." hinzu: "Und was wir nicht vollkommen vergeben, das mach, Herr, dass wir vergeben."
Um Bereuen- und um Vergeben-Können müssen wir beten, für uns selbst und für unsere Brüder und Schwestern.