Missstände sehen und "Untaten abstellen", forderte Caterina von Siena (im Bild Jean Connery als Aufklärer-Mönch William von Baskerville im Film "Der Name der Rose").
Dass Glieder der Kirche ihrer Berufung augenfällig nicht entsprechen oder sich sogar schwer an anderen schuldig machen, hat seit den Anfängen der Kirche immer wieder zu schweren Krisen geführt.
Bereits Augustinus hat oft in seinen Predigten die Gläubigen ermahnt, nicht zu übersehen, dass die Kirche in der jetzigen Zeit noch ein Ort ist, "wo Spreu und Weizen nebeneinander liegen", ja, dass man auf den ersten Blick glauben könnte, da gebe es "nichts als Spreu", "und jedes Korn meint, allein zu sein"! Er wusste, dass die Versuchung groß war, der Kirche den Rücken zu kehren, "so als könne man die Sünder nicht ertragen ...".
Eine besonders eindringliche Lehre für den Umgang mit Ärgernis in der Kirche gibt Caterina von Siena (14. Jh.). Sie hörte nicht auf, den Verantwortlichen ins Gewissen zu reden, alles zu tun, um Untaten abzustellen. Denn sie wusste, dass gerade verwerfliches Verhalten im Klerus das Vertrauen in die Kirche selbst erschüttert.
In ihrem Buch "Von der Vorsehung Gottes" erinnert sie sich, welches Entsetzen sie packte, als ihr deutlich wurde, wie verbreitet zu ihrer Zeit bestimmte Laster gerade im Klerus und in Orden waren. Das wird schonungslos beschrieben und steht heutigen Meldungen gewiss nicht nach.
Caterina bekennt, dass sie tagelang vor Schrecken und Abscheu wie gelähmt war. Sie erholte sich erst, nachdem sie die heilige Kommunion empfangen hatte. Das ist sehr bezeichnend. Caterina konnte unterscheiden: Die Kirche – als zeit- und raumübergreifend – ist der Ort, an dem Christus seine Gegenwart schenkt, Heil und Heiligkeit durch ihn gewirkt werden, selbst dann, wenn Priester sich erschreckend verfehlen.
Caterina drückt es in einem Bild aus: Würde man das kostbare Geschenk eines Königs nicht annehmen, nur weil es ein zerlumpter Bote überbringt? Natürlich doch! Aber weil der schmutzige Bote sich in großer Gefahr befindet und eine Gefahr für andere ist, die seinen Herrn seinetwegen schmähen, wird man alles tun, dass er "würdige Kleider anlegt". Im Klartext: Einem Christen darf die Sünde des Mitmenschen, gerade auch von Priestern, nicht egal sein.
"Heilig" heißt: zu Gott, dem Heiligen, gehörend. Die Kirche ist heilig, weil ihr Haupt, Christus, heilig ist. Seiner Heiligkeit kann niemand etwas wegnehmen. Die Heiligkeit der Kirche ist nicht eine Qualität, die man menschlich evaluieren könnte, sondern ein Glaubenssatz: Wir "glauben (an) die heilige Kirche". Das heißt, wir glauben, dass der dreifaltige Gott selbst diesen Weg gewählt hat, um uns mit sich in Verbindung zu halten.
Aber der Herr der Kirche will auch, dass die Heiligkeit seiner Glieder Fortschritte macht. Darauf ist sein Wirken in der Kirche gerichtet. Diesem Willen müssen wir uns mehr öffnen – das heißt: umkehren. Dafür ist immer Zeit. Aber jetzt offenbar besonders.
Man muss Mut haben, gerecht zu sein. Ich selbst habe in der Kirche viele aufrichtige, gütige, verlässliche Menschen kennengelernt, viele, die den guten Kampf kämpfen, so dass ich einfach nicht sagen kann: "Ich traue jedem alles zu."
Diesen Satz kann man übrigens nur dann sagen, wenn man sich selbst einschließt. Viele große Heilige haben bekannt: Wohin wäre ich gekommen, wenn mich Gottes Gnade nicht gehalten hätte!
Menschen sind wichtig für die Glaubwürdigkeit, aber sie sind nicht letztlich der Grund unseres Glaubens. Wir glauben und vertrauen Gott, der uns über menschliche Zeugen sein Heil anbietet.
Edith Stein hat einmal in einem Brief geschrieben, sie wäre auch dann katholisch geworden, "wenn Menschen mir nicht so viel Gutes erwiesen hätten", sie sei es geworden aufgrund der "Lehre und der Sakramente".
Ein Zweites: Caterina war bekanntlich mit einer außerordentlichen Hellsichtigkeit begnadet, was die innere Situation von Menschen betraf. Sie hatte in vielen Fällen die "Herzensschau". Dennoch bekommt gerade sie (!) von Gott die Weisung, sich nicht zu sicher zu sein und sich eines vorschnellen Urteils zu enthalten. Als Mensch sieht man nicht alles.
Ich denke, das wäre um so wichtiger in der derzeitigen Situation, in der vieles, bis hinein in die Begriffe, verworren und unklar ist. Jeder Mensch ist auch verpflichtet, sich Rechenschaft zu geben, aufgrund von welchen Quellen und Kriterien er sein Urteil bildet.