„Hier geht es ums nackte Überleben. Wir wissen nie, was der nächste Tag bringt“! Bischof Wassyl Tutschapez wirkt erschöpft. Seit neun Monaten ist die Kathedrale des griechisch- katholischen Bischofs von Charkiw, im Osten der Ukraine, ein Zentrum humanitärer Hilfe für mehrere tausend Menschen. Unterstützt von 70 freiwilligen Helfern, darunter auch drei Ärzten, versucht er die Grundversorgung für Hilfesuchende sicherzustellen. Gleichzeitig organisieren er und die 25 Priester seiner Exarchie Hilfe für alleingelassene alte Menschen, Behinderte oder Mütter mit Kindern, die aufgrund der anhaltenden Angriffe aus den nur 30 Kilometer entfernten Nachbarland Russland ihre Häuser nicht verlassen können.
Zu Beginn des Krieges sind noch zahlreiche Hilfsgüter aus Österreich, Polen, der Slowakei und Italien eingetroffen. In der Zwischenzeit neigt sich der in der in der Kathedrale gelagerte Vorrat dem Ende zu. Vor allem aufgrund der niedrigen Temperaturen steigt der Bedarf an Nahrungsmittel, Medikamenten, Kleidung, aber auch an warmen Decken. Wie in vielen anderen Teilen des Landes fallen Wasser- und Stromversorgung häufig aus. Alles Notwendige muss bei Tageslicht geschehen.
Mit Blick auf das kommende Weihnachtsfest meint der Bischof, dass es wohl sehr nahe dem eigentlichen Weihnachtsgeschehen komme. Wie Gott in der Finsternis und Kälte einer Höhle außerhalb der Stadt unbemerkt zur Welt gekommen ist, versucht die Kirche in Charkiv durch ihr Ausharren bei den Menschen in dieser menschlich aussichtslosen Situation ein Zeichen für Gottes Nähe zu sein. Betlehem ist heuer besonders in Charkiw gegenwärtig.
Das griechisch-katholische Exarchat von Charkiw besteht seit 2014. Vor Beginn des Krieges gehörten ihm rund 6000 Gläubige an. Ein großer Teil davon hat in der Zwischenzeit das Gebiet verlassen. Das humanitäre Engagement der kleinen Gemeinde wird von der überwiegend nicht religiös geprägten Bevölkerung Charkivs außerordentlich geschätzt. Die Beziehungen zur ukrainisch - orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, der nominell die Mehrheit der Bevölkerung angehört, beschreibt der Bischof als distanziert und formell. Gleichzeitig wenden sich seit Beginn des Krieges vermehrt orthodoxe Gläubige auch in seelsorglichen Belangen an die griechisch - katholische Kirche.