Johannes XXIII. wollte ein pastorales Konzil, in dem die Kirche besser "die Triftigkeit ihrer Lehre nachweist", als Verurteilungen auszusprechen, ein Konzil des Dialogs mit anderen christlichen Kirchen, Religionen und der Welt.
Die römisch-katholische Kirche sollte sich innerlich erneuern, um so, mit der ganzen Menschheitsfamilie schicksalshaft vereint, dieser ihre Dienste besser anbieten zu können.
Der "springende Punkt" des Konzils, so sagte der Papst in der Eröffnungsansprache, sei nicht, den "kostbaren Schatz zu bewahren", sondern "einen Sprung nach vorwärts" zu machen, "der einem vertieften Glaubensverständnis und der Gewissensbildung zugute kommt".
Aus 70 vorbereitenden Entwürfen wurden schließlich 16 Dokumente verfaßt und mit jeweils großer Stimmenmehrheit verabschiedet. Inhaltlich kann man die Konzilsdokumente unter drei Gesichtspunkten zusammenfassen:
1) Eine Neue Sicht der Kirche.
Leitgedanke ist die "Communio-Ekklesiologie". Damit wird eine spätestens seit dem 13. Jahrhundert einseitig christologische Begründung durch eine trinitarische abgelöst.
"Kirche ist Gemeinschaft", bald zu einem Schlagwort nach dem Konzil geworden, darf also nicht vornehmlich soziologisch verstanden werden, sondern theologisch. Kirche lebt in und von der Trinität, sie soll auch ihr "tätiger Ausdruck" , ihre Ikone sein.
Das bedeutet Einheit in Vielfalt, Zueinander von Charisma und Amt, gegenseitig aufbauende Kommunikation.
Das hatte Folgen für das gesamte Gottesvolk: An Stelle einer einseitigen Sicht der Kirche vom Klerus her tritt der übergreifende Begriff "Volk Gottes", der Hierarchie und Laien umfaßt..
"Gemeinsames Priestertum" und "Weihepriestertum" sind einander zugeordent. Laien sind nicht mehr Objekte kirchliche Betreuung, sondern mitverantwortliche Subjekte. Dies wird verwirklicht in eigenverantwortlichen Diensten der Laien (Religionslehrer, Pastoralassistenten, und so weiter.) und in ihrer Mitwirkung in Gremien. Ihr Glaubenssinn (sensus fidelium) als ein Kriterium bei der Wahrheitsfindung wurde wieder stärker betont.
Die trinitarische Sicht der Kirche hat auch Folgen für das Bischofskollegium. Sie unterstreicht die Kollegialität der Bischöfe mit dem Papst und untereinander. Die Selbständigkeit der Ortskirchen wird betont, "in und aus" denen die Kirche besteht. Kollegialität soll auch verwirklicht werden in den Bischofskonferenzen, die mehr Vollmacht bekommen, im neugeschaffenen Institut der römischen Bischofssynode und in der Internationalisierung der römischen Kurie.
Im Verhältnis der Kirche zur Welt sollte nun die gelebte Communio Vorbild für das Zusammenleben der Menschen und Völker sein, ist doch die Kirche "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit".
2) Eine neue Sicht vom Menschen.
Die Grundidee der Anthropologie des Konzils ist biblisch und geht von der wunderbaren Berufung des Menschen als Ebenbild Gottes aus. Entgegen der früher aus einer negativen Geschichts- und Welterfahrung gedachten Unterscheidung von Natur und Gnade betont das Konzil nun deren Einheit. Übernatürliche Gnade hat so gesehen auch innerweltliche, natürliche Wirkungen.
Daraus folgt: "Wer Christus dem wahren Menschen folgt, wird auch selbst mehr Mensch". Der Mensch wird nicht wie früher zuerst in seiner erbsündlichen Gefallenheit gesehen, sondern in seiner Würde. Diese zeigt sich in seiner "Vernunft und Weisheit", in seinem sittlichen Gewissen und in seiner Freiheit.
Das spricht dem Menschen eine relative Autonomie zu, die aus der Relation zu Gott hervorgeht und deren bleibendes Bild die faszinierende Freiheit Jesu Christi ist, die aus seiner einmaligen Beziehung zum Vater entspringt.
Diese biblisch fundierte Anthropologie schaffte erst Voraussetzungen für andere Konzilsaussagen, zum Beispiel über die Ehe: Sie wird nicht mehr vor allem zum Zwecke der Fortpflanzung gesehen , sondern als "innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe", die auf Zeugung und Erziehung von Nachkommen hingeordnet ist.
Die ehelichen Akte haben einen eigenen Wert. Das Prinzip der verantworteten Elternschaft ermächtigt die Eltern, das Urteil über die Zahl der Kinder "im Angesicht Gottes letztlich selbst zu fällen".
Dabei müssen sie sich leiten lassen von einem Gewissen, das sich ausrichtet am göttlichen Gesetz und auf das Lehramt der Kirche hört.
Die besondere Betonung der Würde des Menschen ist auch Grundlage für die Aussagen des Konzils über die Religionsfreiheit: sie hat ihre Wurzel in der dem Menschen zuerkannten (religiösen) Freiheit. - Erst aus der neuen Sicht des Irdischen macht nun die Kirche auch sehr positive Aussagen über die menschliche Gemeinschaft insgesamt, über Arbeit, Kultur, Wirtschaft und Politik.
3) Neue Stellung der röm.-kath. Kirche zu anderen Kirchen, Religionen, zur Welt.
Die meisten Konzilien haben die röm.kath. Kirche verteidigt und auch durch Verurteilungen abgegrenzt. Das II. Vatikanum will die Kirche "nach außen" zum Dialog öffnen.
Zu anderen christlichen Kirchen: Die Kirche Jesu Christi ist nicht völlig deckungsgleich mit der katholischen Kirche, sie ist in ihr "verwirklicht", wie das Konzil nun sagt.
Das ermöglichte unter anderem folgende Aussagen im Ökumenismusdekret: Auch außerhalb der römisch-katholischen Kirche gibt es "kirchenschaffende Elemente".
Liturgische Handlungen zeugen auch in anderen christlichen Kirchen "tatsächlich das Leben der Gnade" und müssen "als geeignete Mittel für den Zutritt zur Gemeinschaft des Heiles angesehen werden."
Neben dem Trennenden wird mit Freude entdeckt, was aus dem gemeinsamen Erbe bei anderen in besonderer Weise bewahrt wurde. Ökumene wird so zur gegenseitigen Auferbauung.
Die römisch-katholische Kirche ändert auch ihre Haltung zu den Weltreligionen. Eine ursprünglich geplante "Judenerklärung" wurde schließlich (vor allem durch politische Interventionen) zu einer Erklärung "Über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen" ausgeweitet. Damit kam es zur längst fälligen Korrektur des Verhältnisses der römisch-katholischen Kirche zum Judentum, aber auch zur Eröffnung des Dialogs mit anderen Weltreligionen, wie Islam, Hinduismus und Buddhismus.
In der Pastoralkonstitution "Die Kirche in der Welt von heute", die erst während des Konzils auf Initiative des Papstes konzipiert wurde, legt die katholische Kirche ihre aktuelle Verantwortung für die Welt neu dar.
Die theologische Grundlage dafür sind die Berufung aller Menschen zum Heil, zur Gemeinschaft mit Gott und die Inkarnationslehre, nach der der Sohn Gottes als fleischgewordenes Wort selbst "in die menschliche Lebensgemeinschaft eingehen" wollte.
Die Kirche gibt sich nicht mehr als überlegene Lehrmeisterin der Menschheit, sondern weiß sich mit ihr schicksalshaft verbunden.
Sie kann der Welt eine besondere Hilfe bringen, spricht aber auch von der Hilfe, die sie "von der heutigen Welt erfährt".
Ziel der Kirche ist nicht die Verkirchlichung der Gesellschaft, sondern der Dienst an ihr.
Diese Antwort auf die Moderne war nur möglich , weil die Kirche die Welt nicht mehr nur als (feindliches) Gegenüber sieht, sondern ihre (gottgewollten) Eigenwirklichkeiten anerkennt. Daraus ergibt sich ein neues Verhältnis zur Wissenschaft, deren Eigenständigkeit zu achten ist, zur Wirtschaft, deren Fortschritt das Konzil damals fast euphorisch darstellte und zur Politik, in der sich der einzelne Christ und die Kirche insgesamt zu engagieren haben.
Die Weichenstellungen des Konzils für die Kirche der Zukunft sind eigentlich sehr deutlich. Die so raschen und unerwarteten Veränderungenin der Gesellschaft gleich danach haben die Erneuerung der Kirche allerdings zurzeit gehemmt.
Die Kirche wäre es aber der Welt schuldig ihr jenen Dienst anzubieten, zu dem sie sich im II. Vatikanischen Konzil, sicher unter Einwirkung des Heiligen Geistes, so zukunftsweisend bekannt hat.