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03.06.2022

Die Kurienreform von Franziskus tritt zu Pfingsten in Kraft

Straffe Finanzkontrolle, Behördenspitzen für Frauen geöffnet. Viele Maßnahmen sind bereits wirksam. Von Kathpress-Korrespondent Roland Juchem.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hatte Papst Franziskus am Samstag, 19. März, seine neue Kurienverfassung veröffentlichen lassen. Jahrelang erwartet und doch überraschend. Zum Jahrestag seiner Amtseinführung vor neun Jahren wollte Franziskus endlich das liefern, weswegen ihn die Kardinäle im März 2013 gewählt hatten. Allerdings wurde die Konstitution "Praedicate evangelium" (Verkündet das Evangelium) so plötzlich "rausgehauen", wie mancher Kuriale bemerkte, dass im Text ein paar kleinere Fehler nachkorrigiert werden mussten. Zudem gibt es ihn bislang nur auf Italienisch. An den Übersetzungen - inklusive einer lateinischen - wird noch gearbeitet. Fix ist: Ab Pfingstsonntag wird die neue Kurienverfassung wirksam.

 

Dass die meisten Änderungen bekannt und schon in Kraft sind, hatte der Papst mehrfach gesagt. Franziskus reformiert sozusagen im Gehen. Gleichwohl bietet "Praedicate evangelium" einige wichtige Neuigkeiten: Kurienchefs können künftig auch Laien sein, Männer oder Frauen. Eine der Behörden leitet der Papst selbst. Und sein Sozialarbeiter wird aufgewertet. Spätestens mit 80 Jahren muss jeder Kuriale künftig in Pension gehen - mit Ausnahme des Papstes selbst.

 

Missionarischer und synodaler denken

Wenn es nach Franziskus geht, gilt die wichtigste Reform der Einstellung der rund 2.500 Menschen, die an der Kurie arbeiten: Sie alle sollen missionarischer und synodaler denken, fühlen und handeln. Mit anderen Worten: Alles was sie tun, soll der glaubwürdigen Verbreitung des Evangeliums dienen - daher der Titel - und im offenen Miteinander geschehen.

 

Auch sollen künftig mehr Laien als besser ausgebildete Fachkräfte am zentralen Leitungsorgan der katholischen Kirche arbeiten. Ob der Vatikan sich teurere Auslandskräfte leisten kann - das Leben in Rom für einen Familienernährer ist nicht billig -, muss sich zeigen. Zugleich soll die Kurie den Ortskirchen zuarbeiten, statt sich zwischen Papst und Bischöfe zu stellen. Auch relativiert Franziskus traditionelle Hierarchien zwischen den Behörden.

 

Dikasterien statt Kongregationen

Diese heißen nun alle "Dikasterium", nicht mehr "Kongregation" oder "Rat". Inwiefern die Reihenfolge ihrer Nennung bedeutsam wird, muss sich zeigen. Dass die neue Behörde für Evangelisierung an erster Stelle genannt wird, vor der altehrwürdigen Glaubenskongregation, ist ein Zeichen - zumal der Papst selbst sie leiten will. Schon früher haben Päpste des Öfteren Kurienbehörden geleitet.

Allerdings stellte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin bereits klar: Das Staatssekretariat soll für ein weitgehend harmonisches Handeln des Heiligen Stuhls sorgen. Besonders wichtig ist dies bei diplomatischen Angelegenheiten und Fragen internationalen Rechts. Zudem sei es wichtig, dass zentrale Texte und Sprachregelungen einheitlich seien. Deswegen werde das Staatssekretariat weiter ein entscheidendes Wort in der Öffentlichkeits- und Medienarbeit des Vatikan mitreden. Mehr Transparenz verheißt das nicht unbedingt.

 

Wirtschaftssekretariat gestärkt

Für mehr Transparenz und Kontrolle der Vatikan-Finanzen soll das Wirtschaftssekretariat sorgen. Dieses wurde zuletzt erheblich gestärkt - auch gegenüber Staatssekretariat. Auch die Verwaltung des Vatikanstaats untersteht dem Wirtschaftssekretariat; bei dem muss jede Behörde nun Ausgaben über 150.000 Euro genehmigen lassen.

 

Der Glaubenskongregation wird nun die 2014 errichtete päpstliche Kinderschutzkommission angegliedert; eine eigene Leitung soll diese indes behalten. Ob das den kurialen Kampf gegen Missbrauch stärkt, steht dahin. Direkt nach der Behörde für die Glaubensbehörde folgt jene für Sozial- und Nothilfe. Damit steht - zumindest im Inhaltsverzeichnis - der päpstliche Sozialbeauftragte noch vor jenen Präfekten, die für Bischöfe, Orden, Klerus zuständig sind. In der Praxis muss das nicht viel heißen; gleichwohl ist es ein klares Signal an die traditionsbewusste Kurie.

 

Öffnung für Laien

Die nun offiziell festgelegte Öffnung höchster Kurienämter für Laien, hatte sich angedeutet. Seit 2018 leitet Paolo Ruffini als erster Laie eine Vatikanbehörde, jene für Kommunikation. Im Synoden-und im Staatssekretariat, in der Entwicklungsbehörde sowie im Governatorat des Vatikanstaates hatte Franziskus zuletzt mehrere Frauen in hohe Aufgaben berufen.

 

Neu ist: Die Vollmacht eines Kurienamtes hängt nicht mehr an einer Weihe, sondern wird allein vom Papst verliehen - ob an einen Bischof, Priester, Ordensmenschen oder weiblichen bzw. männlichen Laien. Paradox: Um die Aufwertung des Gottesvolkes durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) an der Kurie durchzusetzen, nutzt Franziskus den historisch und ökumenisch strittigen päpstlichen Jurisdiktionsprimat des Ersten Vaticanums (1869/1870).

Allerdings müssen Qualifikation der Leitung und Profil der Behörde zueinander passen. Demnach könnte die erste Kurienpräfektin eher bei der Familien- oder Bildungsbehörde folgen als bei denen für Bischöfe, Klerus und Ordensleute. Rein formal, so heißt es, muss der Papst für alle bisherigen Kongregationen, die nun Dikasterien werden, die Leitungsperson - ob neue oder bisherige - jetzt neu ernennen. In den Tagen rund um Pfingsten dürften daher einige Personalia zu erwarten sein.

 

Neuer Teamgeist

Wichtigste Aufgabe der gesamten Kirche - inklusive Kurie - ist laut Franziskus, den Menschen die christliche Botschaft nahezubringen. Daher will er neben strukturellen Veränderungen der weltkirchlichen Zentralverwaltung einen neuen Teamgeist einflößen: Missionarischer, vielfältiger, professioneller und synodaler soll sie werden. Und effektiver - nicht nur angesichts knapper Kassen, die der Umsetzung manches Reformideals entgegenstehen dürften.

 

Der päpstliche Wurf bietet Chancen für eine neue Art kirchlicher Zentralverwaltung. Entscheidend wird aber sein, wie die gesetzten Impulse umgesetzt werden. So sind wie bereits in der 1988 erlassenen Kurienverfassung "Pastor Bonus" von Johannes Paul II. regelmäßige Treffen aller Kurienchefs vorgesehen - ähnlich Kabinettssitzungen der Regierungen in Wien, Berlin oder Bern. Ob solche stattfinden, hängt vom Papst ab. Franziskus selbst pflegte diese Form kollegialer Verwaltung bislang so gut wie gar nicht - im Gegenteil.